NO SPY ist machbar, Herr Minister!

Presse und Ministeriale haben vorschnell resigniert: Man verhandelt zwar weiter mit den Amerikanern, aber rechnet nicht mehr ernsthaft mit dem Abschluss eines „No Spy-Abkommens“. Dabei wird übersehen, dass die Aufgabe rasch zu bewältigen wäre, wenn man sich nur an den Wortsinn der Phrase „no spy“ halten würde.

Die Schöpfer dieses dank seiner Kompaktheit so erfolgreichen Ausdrucks haben sich – womöglich ganz ohne Ein- und Absicht – für eine akteurbezogene Version („kein Spion“) entschieden und die naheliegenden tätigkeits- und ergebnisbezogenen Alternativen (z.B. „kein Spionieren, keine Spionage“) ignoriert. Damit bewiesen sie eine ausgesprochen glückliche Hand.  Trägt doch der „no spy“-Ausdruck der historischen Entwicklung des in den Fokus geratenen Berufsstands auf ideale Weise Rechnung. Welchen Sinn würde es wohl machen, die rund 40.000 als IT-Techniker, Mathematiker, Analytiker, Verwaltungs- und Reinigungskräfte beschäftigten NSA-Angestellten als „Spione“ zu bezeichnen? Als ob sie noch im 21. Jahrhundert mit Trenchcoat und Minox bewaffnet das Straßenbild bevölkern würden. Hinter der NSA, ihren Schwesterunternehmen und der grassierenden Big Data-Wave steckt buchstäblich „no spy“.

Was also würde Barack Obama und Angela Merkel hindern, mit großer Geste ein „No Spy“-Abkommen abzuschließen? Es müsste noch nicht einmal auf die beiden Regierungschefs beschränkt bleiben, sondern könnte die Kabinettsmitglieder beider Seiten und sogar die Spitzen der Nachrichtendienste einbeziehen. Denn welcher Spitzenpolitiker und Behördenchef hat heute Zeit und Lust, höchstpersönlich Spion zu spielen? „No spy“ – das können sie alle mit gutem Gewissen unterschreiben. Denn NSA und Big Data stehen, wie wir von Edward Snowden lernen mussten, für Sachverhalte und Gefahren ganz anderen Kalibers. Und wirken in viel stärkerem Maße gesellschaftsverändernd als es sich die Berühmtheiten des historisch überholten Berufsstandes – von James Bond bis Günter Guilleaume – erträumen konnten.

Aber für den Fall, dass die Denglish-Phrase „No Spy“ schon etwas an publizistischer Attraktivität eingebüßt hat, empfiehlt sich ein Test alternativer Formulierungen. Die finden sich ganz einfach mit Googles Übersetzungsfunktion. Ebenfalls schön kompakt klingt es auf finnisch „no vakooja” und erst recht auf ungarisch ”nem kém”. Etwas klang- und vielleicht reizvoller sind die Varianten auf isländisch ”engin njósnari“ und littauisch „ne šnipas“. Gänzlich ohne Anklang an die notwendige Selbstbeschränkung eines machbaren Abkommens sind die Fassungen  auf Türkisch „hiçbir casus”, Maori “kahore he tutei” und Suaheli „hakuna kupeleleza”. Mir selbst gefällt die Malaysische Version („ada mata-mata”) sehr gut und am allerbesten die prägnante Fassung im westafrikanischen Yoruba: “ko si Ami“! Ob bei der angestrebten Verklärung der Big Data-Problematik als bloßer Spionagefall auch ein Verzicht auf das gewohnte Schriftbild helfen würde, sollten die Zuständigen im Kanzleramt und Innenministerium bald entscheiden. Ich biete mal zum Einstieg die Versionen in Hindi  कोई जासूस, Urdu کوئی جاسوس, und – besonders hübsch – Tamilisch எந்த உளவு. Auf jeden Fall gilt jedoch: ko si Ami!

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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