Wie die Grünen auf den abfallenden Pfad ihrer Beliebtheit gerieten

Ob die Grünen den Wettbewerb um das höchste Regierungsamt gewinnen können, scheint kaum noch von ihnen abzuhängen. Ihre Wettbewerber und professionelle Kandidaten-Crasher haben das Heft des Handelns an sich genommen. So ist es wohl nicht zu früh, dass sich Grüne und ihre Sympathisanten die Frage stellen, warum ihr erster aussichtsreicher Angriff auf die großkoalitionäre Machtbastion das Ziel zu verfehlen droht. Mindestens drei Verursachungskomplexe scheinen beteiligt zu sein.

An erster Stelle sind die Eigenbeiträge der grünen Kanzlerkandidatin zu nennen. Wenn man sich der frühen Version ihres Bildungsgangs erinnert und jener saloppen, aber sachlich absurden Überlegenheitsgeste gegenüber Robert Habeck – der Ex-Minister komme aus der Landwirtschaft, während sie im Völkerrecht verwurzelt sei –, entdeckt man Momente von Eitelkeit und eine Neigung zur Selbststilisierung, wie sie oft aus dem Bewusstsein eigener Schwächen resultiert. Baerbocks rasanter Studienabschluss an der LSE (nur ein Jahr nach dem Vordiplom) hat sie vor den anstrengenden Lernerfahrungen bewahrt, welche die Fach- und Stilkritik unzähliger Seminararbeiten im Hauptstudium vermittelt. Mit einem solideren akademischen Erfahrungshintergrund wäre sie kaum versucht gewesen, ihren Bildungsstatus aufzuhübschen, und hätte wohl Ghostwriter und Lektoren anhalten können, alle denkbaren Plagiatsverdachtsfälle auszumerzen. So aber sind der Kandidatin ihre hohe Fachkompetenz, Engagement- und Kommunikationsfähigkeit zur Achillesferse geworden. Ihr Beraterumfeld fühlte sich jedenfalls nicht ermutigt, sie auf die naheliegenden Stolperfallen im seit langem härtesten Wahlkampf vorzubereiten. Sie wusste es nicht besser. Und die, die es besser wussten, ließen sie im Dunkeln.

Damit ist der zweite Ursachenkomplex bei der Erklärung des Attraktivitätsverlustes angesprochen. Zweifellos gibt es bei den Grünen eine Reihe von Professionals, die 2020 die US-Demokraten bei ihrer Personalselektion und insbesondere dem Screening der Kandidaten für die Vizepräsidentschaft beobachteten. Warum waren die grünen Spitzenpoliker*innen, der Bundesvorstand und vor allem der Bundesgeschäftsführer nicht im Stande, der Kandidatin ein zum umfassenden Screening berechtigtes Beraterteam zur Seite zu stellen? Waren sie womöglich durch Gleichgültigkeit, Kooperationsunwillen oder Konkurrenzneid gehindert, der immer wieder beschworenen Härte der kommenden Auseinandersetzung Rechnung zu tragen?

Mit diesen Fragen ist letztenendes ein dritter Verursachungskomplex angesprochen: das Vohandensein respektive Fehlen eines strategischen Zentrums der Parteiführung, auf dessen Unverzichtbarkeit Joachim Raschke schon vor Jahren mit Nachdruck verwiesen hat. Nach der Überwindung bzw. Stilllegung des alten Fundi-/Realo-Streits hat sich zwar ein recht stabiler Burgfrieden der beiden ideologisch differenten Lager gebildet. Aber dessen Leistungen scheinen sich auf Organisationsmanagement und Personalfragen sowie den Umgang mit Ad-hoc-Problemen zu beschränken. Wenn es um längerfristige Grundsatzfragen und Strategiealternativen ging, blieben diese den viel beklatschten Vorsitzenden überlassen, die dann für ihre eigenen Strategiepräferenzen Priorität beanspruchten. Als diese verkündeten, sie würden die Frage einer Kanzlerkandidatur unter sich ausmachen (um damit etwaige weitere Kandidaturen von vornherein auszuschließen?), waren ihnen gleichzeitig das Ob, Wie und Wann der wichtigsten Strategieentscheidung des Jahres überlassen.

Die Alternative, ohne eigene Kanzlerkandidatin bzw.eigenen –kandidaten in den Wahlkampf zu ziehen (vgl. dazu Tagesspiegel 02.11.2020), wurde nicht mehr ernsthaft geprüft. Die Möglichkeit, dass sich die Dinge dann dermaßen zu Ungunsten der Grünen würden entwickeln können, wurde übersehen. Nach dem Vorbild der in den Medien wohletablierten Konkurrenten baute man blind auf die Medien-Attraktivität der Kandidatur eines grünen Newcomers. Doch wieviel vorteilhafter würde heute die Lage der Grünen sein, wenn sich nur Laschet und Scholz streiten müssten, während gleichzeitig das grüne Wahlprogramm und die Möglichkeit eines grünen Wahlsiegs als Elefant im Raum gegenwärtig wären.  So unwahrscheinlich es ist, dass die von den Grünen erlittenen Attraktivitätseinbußen bis zum Wahltag kompensiert werden können, so wahrscheinlich ist es, dass die im vorstellbaren Fall eines rechtzeitigen Kandidaturverzichts grassierenden Spekulationen der grünen Sache, also den Politikzielen der Grünen, eher genützt als geschadet hätten. Sind doch die Grünen nicht mehr wie in früheren Wahlkämpfen mit einer homogenen Medienlandschaft konfrontiert.

Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, wohnt in Berlin.
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