Portbou – Walter Benjamins letzte Station

Wenn man eine Spanien-Karte vor sich hat, findet man Portbou in der äußersten nordöstlichen Ecke des Landes. Von Marseille aus gesehen, ist es wohl die nächstgelegene spanische Ortschaft, am Mittelmeer-Rand der katalanischen Pyrenäen.

Walter Benjamin

Als Walter Benjamin am 25. September 1940 an der französisch-spanischen Grenze eintraf, hatten er und seine Gefährten einen etwa 15 km langen Fußmarsch von Banyuls-sur-mer über die Berge hinter sich. Benjamin wollte nach Lissabon, um von dort per Schiff in die USA zu gelangen. Der heute weltberühmte Philosoph und Essayist, der damals nur einem kleinen Kreis von Intellektuellen bekannt war, lebte seit 1933 in Frankreich. Als staatenloser jüdischer Deutscher auf der Flucht vor den deutschen Besatzern hatte er es geschafft, die Unterstützung einer amerikanischen Dienststelle in Marseille zu bekommen. So konnte er der spanischen Polizei einen provisorischen amerikanischen Pass samt spanischem Transitvisum zeigen.

Doch die dem Franco-Regime unterstehende Polizei verweigerte Benjamin die Einreise, weil sein Pass kein französisches Ausreisevisum enthielt. Hätte er versucht, über die französische Grenzstation auszureisen, wäre er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit festgenommen und von der Polizei des mit den Deutschen kollaborierenden Pétain-Regimes an die Gestapo ausgeliefert worden. Der angeschlagene Gesundheitszustand des Flüchtlings blieb den spanischen Grenzpolizisten nicht verborgen. Sie erlaubten ihm, die Nacht vor seiner Abschiebung in einem billigen Hotel in der Nähe der Polizeistation zu verbringen. Am anderen Morgen, dem 26. September 1940, wurde Benjamin in seinem Hotelzimmer tot aufgefunden. Das Manuskript, an dessen Rettung über die Grenze Benjamin (laut Lisa Fittko) so viel gelegen war, ist bis heute verschollen.

Entgegen der zunächst verbreiteten Vermutung ist unklar, ob sich Benjamin das Leben genommen hat oder einen Kreislaufkollaps erlitt, womöglich begünstigt durch mangelhaft dosierte Medikamenteneinnahme. Die Sterbeurkunde des örtlichen Richters verzeichnet Tod durch Gehirnblutung. Benjamins Kreislaufprobleme waren bekannt, ebenso seine Einnahme von Morphinen zur Schmerz- und Stressdämpfung. Die von ihm mitgeführten Barmittel reichten aus, eines der ortsüblichen Wandgräber für fünf Jahre zu finanzieren.

Wandgräber auf dem Friedho von Portbou.

Wandgräber auf dem Friedhof von Portbou.

Nach fünf Jahren wurde die Grabstätte mangels weiterer Gebührenzahlung aufgelöst und die Gebeine gelangten in ein anonymes Massengrab des Friedhofs, dessen genaue Lage nicht mehr eruierbar ist.

In den 1990er Jahren entsann man sich des berühmten Toten und die Stadt Portbou machte ihn zu einem der ihren. 1994 wurde das Monument „Passagen“ des israelischen Bildhauers Dani Karavan unterhalb des Friedhofs eingeweiht.  Auf der Glaswand, die die Treppe hinunter zur Brandung abrupt unterbricht, stehen in mehreren Sprachen Benjamins Worte „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“ (aus Benjamins ‚Über den Begriff der Geschichte‘).

Treppe mit Glaswand im Monument "Passagen".

Treppe mit Glaswand im Monument „Passagen“.

Zur Entstehung des Monuments liefert Wikipedia interessante Informationen: „Das Denkmal wurde auf Anregung von Bundespräsident Richard von Weizsäcker initiiert und sollte zunächst durch das deutsche Auswärtige Amt finanziert werden. Nachdem 1992 die Boulevard-Zeitungen Bild und Neue Revue die Höhe der auf 980.000 DM veranschlagten Kosten kritisiert und das Ministerium angegriffen hatten, intervenierte auch der Bundesrechnungshof beim Auswärtigen Ausschuss des Bundestages, woraufhin das Ministerium das Projekt stoppte.
Im Jahre 1993 übernahmen die deutschen Bundesländer, die Regionalregierung von Katalonien, die Gemeinde Portbou und Privatleute die Finanzierung des Projektes und führten es zu Ende. Das Denkmal wurde am 15. Mai 1994 in Anwesenheit von Lisa Fittko eingeweiht.“

Lisa Fittko

Lisa Fittko (1909 – 2005) war eine österreichische Widerstandskämpferin und Autorin, die 1940/41 mehreren Menschen als Fluchthelferin über die Pyrenäen half. Die französische Gemeinde Banyuls-sur-mer errichtete ihr und ihrem Mann Hans Fittko 2001 eine Gedenkstätte, von der aus der historische Wanderweg „Chemin Walter Benjamin“ nach Portbou geht.

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Von Perpignan kommend braucht man nicht mehr als eineinhalb Stunden, um die ehemalige Grenzstation auf der Passhöhe über Portbou zu erreichen.Von dort hat man einen guten Blick auf das Städtchen, den Hafen und den am Hang über dem Hafen liegenden Friedhof.

Blick von der Passhöhe auf Portbou.

Blick von der Passhöhe auf Portbou.

Portbou war einst ein Eisenbahnknotenpunkt, der seine Bedeutung längst an den Straßenverkehr verloren hat.

Der Güterbahnhof von Portbou.

Der Güterbahnhof von Portbou.

Im Ort gibt es mehrere Wegweiser zum „Memorial W. Benjamin“.

Wegweiser im Stadtkern.

Wegweiser im Stadtkern.

Der Vorplatz des Friedhofs, auf dem an der Hangseite linkerhand die Installation von Dani Karavan steht, ist Benjamin gewidmet. Vom „Mirador Walter Benjamin“ – direkt über dem Hafen – überblickt man die Bucht und die Stadt.

Übersichtstafel am "Mirador Walter Benjamin".

Übersichtstafel am „Mirador Walter Benjamin“.

Gedenkstein im Friedhof.

Gedenkstein im Friedhof.

Auf der mittleren Terasse des Friedhofs hat man eine kleine Freifläche mit Sitzbank eingerichtet. Der Blick fällt auf den Gedenkstein. Auf dem Vorplatz befindet sich noch ein mehrsprachiges Informationsschild.

Informationstafel.

Informationstafel.

In der Installation.

In der Installation: Blick von unten zurück auf den Eingang.

Blick von der Passhöhe auf den Friedhof.

Blick von der Passhöhe auf den Friedhof.

Alle Fotos: Copyright with H. Wiesenthal.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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6 Antworten zu Portbou – Walter Benjamins letzte Station

  1. Renate Thon schreibt:

    Ich bin den Weg gelaufen, von Banyuls-sur-mer nach Port Bou, kein einfacher Weg. Das Denkmal von Dani Karavan “ Passagen“ in Port Bou ist für mich eines der eindrucksvollsten , das ich je erlebt habe. Durch die Wanderung und das Erleben des Denkmals kann ich vieles nachvollziehen, was damals passiert ist. Lisa Fittko und manch anderen Menschen, die deutschen Emigranten zum Weg über die Pyrenäen verholfen haben, danke ich an dieser Stelle aus ganzem Herzen! Wo wäre die Menschheit ohne alle diese Menschen?
    Renate Thon

  2. Andy M. schreibt:

    Hallo, Ich kenne Portbou schon seit vielen Jahren, vor allem vom Umsteigen auf den Weg nach Spanien, und habe nach und nach alle Teile der Stadt entdeckt. Ich habe erst viel später gelernt dass Walther Benjamin hier starb. Das war mir lange nicht bewusst. Für mich gibt es verschiedene Aspekt der Geschichte die nicht so recht Sinn machen. Port Bou liegt nicht wirklich an der Grenze aber mindestens 1 km von der eigentliche Grenzstelle entfernt. An der Grenze selber steht ein Zollhäuschen aber sonst keine nennenswerte Bauwerke und wer nicht am Zollhäuschen vorbei will kann sicherlich querfeld marchsieren oder eins der zahlreichen Trampelpfade folgen. Die Polizeistation in der Stadt hat mit der Grenzpolizei nichts zu tun. Warum, wenn Benjamin schon erfolgreich die Grenze gequert hatte, und somit der gefährlichster Teil seiner Reise hinter sich hatte, hat er sich bloss freiwiillg in Port Bou an der Ortspolizei gewendet? Er hätte ruhig und problemlos Anonym bis Barcelona reisen können, und von dort weiter, wie so viele Flüchtlinge um dieser Zeit es getan haben. Die Grenzpolizei im Bahnhof hat nur Reisende kontrolliert die aus Frankreich kamen. Von der Stadt aus kam man Problemlos am Zoll vorbei. Die ganzen Zollstationen aus der Franco Zeit stehen Heute noch, obwohl sie nicht mehr benutzt werden, also kann man sich leicht vorstellen wie es mal war. Ausserdem ist der nächste spanische Bahnhof auch noch leicht zu Fuss zu erreichen. Mir kommt es vor als glaubte Benjamin alleine die Nazis seien böse, und alle anderen seien seine Freunde. Anders kann ich mir sein naives Verhalten nicht deuten.Ein womöglich fataler Fehler eines so intelligenten Menschen?

    • M. Schönwetter schreibt:

      Die Erklärung ist folgende. Es war damals ratsam, sich an den Passstationen bzw. bei der Grenzpolizei zu melden, um die Durchreise zu legalisieren. Andernfalls bestand die Gefahr, dass man nach Frankreich – d.h. an die Vichy-Behörden und damit im Grunde an die Gestapo – abgeschoben wurde, wenn man weiter im Inland aufgriffen worden wäre (Was an Bahnhöfen, in Zügen und in Hotels nicht unwahrscheinlich war, da die Polizei häufig Kontrollen durchführte.). Man muss dazu wissen, dass damals nicht nur ein Durchreisevisum notwendig war, sondern auch ein Ausreißevisum von Frankreich. Letzteres hatte W. Benjamin wie so viele Exilanten nicht. Deshalb sind er und viele andere überhaupt über die Berge gegangen. Hätte er das Ausreisevisum gehabt, hätte er sich bequem in den Zug setzen und nach Spanien fahren können. Um das Ausreiseverbot von Frankreich zu umgehen, musste man eben die Grenze zu Fuß überqueren und sich einfach bei den spanischen Grenzbehörden melden. War man erst mal in Spanien und konnte ein Durchreise- und ein Auslandsvisum vorweisen (Benjamin hatte beides), war es eigentlich kein Problem – man bekam von der spanischen Grenzbehörde einen Stempel, war damit offiziell als Durchreisender gemeldet und konnte nach Portugal weiterreisen (Das galt die meiste Zeit selbst für offiziell von Deutschland gesuchte und bekannte Persönlichkeiten. Zwar war Francos faschistisches Spanien dem Dritten Reich in verschiedener Hinsicht nah, aber 1940 spielten die Beziehungen Spanien – England bzw. Alliierten noch eine tragende Rolle in solchen Fragen. Varian Fry, Hans und Lisa Fittko brachten z.B. auch englische Piloten über die Berge, die dann von Spanien nach England zurückreisten.) Jetzt kommt der Knackpunkt: Warum schrieb ich „eigentlich kein Problem“? Die Visa-Bestimmungen Spaniens änderten sich beinah täglich und Benjamin hatte einfach schreckliches und tragisches Pech. Genau an diesem Tag änderten sich die Visa-Bestimmungen dahingehend, dass Ausländer, die ohne Ausreisevisum über die Grenze kommen, die Weiterreise verwehrt werden sollte und sie zurück nach Frankreich geschickt werden sollten. Das wusste von den Fluchthelfern an dem Tag noch niemand. Als sich Benjamin und seine beiden Begleiter Henny und Joseph Gurland (Mutter und Sohn) auf Anraten der Fluchthelfer bei den Grenzbehörden meldeten, verweigerten diese ihnen Stempel und Durchreise, erlaubten ihnen aber die Nacht im Hotel zu bleiben, um am nächsten Tag nach Frankreich zurückzukehren. Hier tun sich dann Fragen auf. Warum glaubte Benjamin, er würde den Vichy-Behörden übergeben? Warum geriet er in Panik. So wie es aussieht, hätten er und die Gurlands bloß über die Berge zurückgehen müssen. Die spanischen Grenzbeamten hatten offenbar weder den Plan, Benjamin festzuhalten, noch ihn zu übergeben. Wenn dem so ist, hätte er es im Grunde später auf gleichem Wege erneut probieren können, wenn sich die Visa-Bestimmungen wieder geändert hätten. Glaubte er, nicht länger in Frankreich untertauchen zu können? Spielte der Rückweg und seine Gesundheit eine Rolle? Oder glaubte er wirklich, er würde am Folgetag aus dem Hotel abgeholt und den franz. Behörden oder gar der Gestapo übergeben? Man sollte nicht vergessen, dass Benjam bereits zuvor, schon 1932/33 suizidale Tendenzen aufwies. Tragisch ist das Ganze noch mehr, da wenige Tage später die Visa-Bestimmungen wieder gelockert wurden und er von den Grenzbeamten durchgelassen worden wäre. Sein Tod bewog zumindest die Beamten dazu, die Gurlands trotz gegenteiliger Visa-Bestimmungen weiterreisen zu lassen. Er hat sich mit dem Melden an der Passstation im Grunde richtig verhalten, da dass eigentlich der sichere Weg war, die Durchreise also legalisiert hätte, als ohne Passtempel ins Inland weiterzureißen und eine Festnahme qua illegaler Durchreise zu riskieren. Noch dazu waren viele spanische Grenzbeamte den Flüchtlingen eigentlich wohlgesonnen. So bekamen die Fittkos auch Tipps von Grenzbeamten für Routen wie man die französischen Grenzkontrollen in den Bergen umgehen konnte. Zum Nachlesen all dessen empfehle ich dir die beiden spannenden Bücher:

      Varian Fry – Auslieferung auf Verlangen: Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41.
      Lisa Fittko – Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41.

  3. Pingback: Ausflug nach Portbou | Sumaro Blog

  4. Wolfgang Böhm schreibt:

    Hallo Helmut Wiesenthal,
    Jahre ist es her, da waren wir ‚mal Kollegen an der Fak.f. Soz. in Bielefeld.
    Jetzt bekomme ich öfters Literaturhinweise von Fritz Deventer – ‚du mußt ‚mal den neusten von Wiesenthal bei Böll lesen – was ich zugegebenermaßen selten tue!
    Dieses Mal bin ich auch auf den Artikel zum Benjamin-Denkmal gestossen, der mich neben anderen dazu aus der Vergangenheit wieder auf eine ganz eigene Weise bewegt hat. Ich war vor etlichen Jahren während des Studiums in der Nähe und habe es nicht geschafft, nach Portbou zu fahren. Schon damals hatten mich die Umstände von Benjamins Tod eigentümlich berührt…

    Wolfgang Böhm

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