63 Abweichler = Schwarz-Grün kaputt

Die Abstimmung über das dritte große Hilfspaket für Griechenland hat Klarheit gebracht. Zum einen darüber, dass das Hängen und Würgen im Umgang mit dem Schuldenberg die nächsten zwei bis drei Jahre weitergehen wird. Denn noch nie hat ein Land in so kurzer Zeit einen solchen Turn geschafft, wie man ihn jetzt von Griechenland erwartet. Selbst in den neuen Bundesländern ist der Gleichstand noch lange nicht in Sicht, da dort die Wirtschaftskraft bei 70 % des gesamtdeutschen Durchschnitts stagniert – nach immerhin fast zwei Billionen Euro Transfers. (Letzteres könnte die Syriza-Regierung ein bisschen aufmuntern.)

Zum anderen gibt es endlich Klarheit beim Thema „Wer mag in Zukunft Deutschland regieren?“ Die 63 Abweichler aus der CDU/CSU-Fraktion, die der Kanzlerin den Stinkefinger zeigten, votierten nicht nur mit Gregor Gysi gegen das Griechenlandpaket, sondern auch gegen Angela Merkels liebste Koalitionsoption Schwarz-Grün. Sage keiner, die hätten das nicht gewusst und nicht bedacht!

CDU/CSU haben 311 Sitze im Bundestag, 193 die SPD, 64 die Linkspartei und 63 die Grünen. Eine (Regierungs‑) Mehrheit gibts erst mit 316 Stimmen. Also brauchen CDU/CSU einen Partner. Nach der gestrigen Abstimmung wissen wir: Der geeignete Koalitionspartner muss nicht nur mindestens 5 Sitze, sondern mindestens 5 plus 63 Sitze haben. Denn mindestens 63 CDU/CSU-MdBs sind in Sachen EU­-, Euro- und Griechenlandpolitik potentielle Neinsager.

Damit bleiben die Grünen außen vor, was für viele (Simone Peter, Jürgen Trittin u.a.) eine große Erleichterung bedeuten dürfte. Und die Kanzlerin wird es sich wohl vor der nächsten Wahl verkneifen, mit der schwarz-grünen Karte zu winken. Selbst wenn FDP und/oder AfD in den nächsten Bundestag einziehen werden, wird sich daran nichts ändern. Denn beide haben ihre Abneigung gegen den Regierungskurs in Sachen „Euro-Rettung“ klar bekundet. Na ja, die FDP hat immerhin Übung im Umfallen.
Merkels einzige Rettung wäre ein gewaltiger Stimmengewinn in 2017, der aber nicht zur absoluten Mehrheit reicht, also ein noch schlechteres Abschneiden der Mitte-Links-Parteien als in 2013.

Schöne Aussichten? Nur auf die Fortsetzung der Großen Koalition…

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EU oder Hellas: Wer blufft besser im Chicken Game?

Finanzminister Yanis Varoufakis ist mit der modernen Spiel- und Verhandlungstheorie vertraut. Er hat ein Lehrbuch zur Spieltheorie und einiges zu ihrer Anwendung verfasst. Nach seiner Zitationsbilanz bei Google Scholar spielt Varoufakis in der Fachwelt zwar keine herausgehobene Rolle. Doch ist es mehr als wahrscheinlich, dass die Verhandlungsstrategie der griechischen Regierung von seinem spieltheoretischen Knowhow inspiriert ist.

Gewiss ist eine Analyse des Griechenland-Spiels vor Abschluss der Endphase mit Unsicherheit behaftet. Wir wissen nicht alles, was in den Verhandlungsarenen angesagt und ausgespielt wurde. Was an die Öffentlichkeit gelangte, ist nur eine Teilmenge aller Spielzüge und allemal das Ergebnis taktischer Selektion. Zu oft erwiesen sich lauthals verkündete dead lines als irrelevant; skeptische Prognosen wurden immer wieder von optimistischen Einschätzungen relativiert.

Nun scheint es, als würde das Spiel bald ans Ende gelangen. Die EU-Verhandler haben keinen Zweifel mehr, dass sich die griechische Regierung in einem chicken game wähnt. In einem solchen „Feiglings-Spiel“ geht es darum, wer zuerst die Nerven verliert. Nach der Logik des Spiels verliert derjenige, der aus Angst vor einem Scheitern zurücksteckt. Das kann nach Einschätzung der Griechen nur die EU sein.

In einer prägnanten Illustration des chicken game rasen zwei Wagen auf einer engen Straße aufeinander zu. Als Verlierer gilt derjenige, der im letzten Moment ausweicht. Wer unbedingt als Sieger aus der Konfrontation hervorgehen will, muss sich der Ausweichoption entledigen, z.B. indem er – für den Gegner gut erkennbar – das Lenkrad abzieht und aus dem Wagen wirft. Wer sich scheinbar unwiderruflich an die Durchhalteoption bindet, ist jedem rational kalkulierenden Gegner überlegen. Nur ein Dummkopf würde dann das gleiche tun und es zur Katastrophe (im Beispiel den Frontalzusammenstoß) kommen lassen. Zurecht unterstellt die griechische Regierung, dass die EU das unbedingt vermeiden will.

Mit ihren jüngsten Auftritten im Parlament und bei der Regierungspartei machten Tsipras und Varoufakis ihre Entscheidung für die Durchhalteoption deutlich. Sie gaben nicht nur den Radikalen im eigenen Lager Zunder, sondern signalisierten den EU-Verhandlern ihre Bindung an das eigene Maximalziel.

Offensichtlich unterstellt die griechische Seite der EU für den Fall eines Grexits einen weitaus größeren Schaden als ihn Griechenland in Kauf zunehmen hätte. Die ausgedehnte Verhandlungsperiode und diverse Wohlwollenssignale dürften sie darin bestärkt haben. Das haben die EU-Vertreter erst kürzlich korrigiert, als sie anfingen, von der Verkraftbarkeit eines Euro-Austritts der Griechen zu sprechen. Damit ist eine Art Gleichstand in den Spielzügen eingetreten.

Allerdings hat die EU eine ihrer möglichen Optionen bislang ungenutzt gelassen. Entweder hat man den Konflikt lange Zeit in allzu mildem Licht betrachtet. Oder es gab (gibt?) im EU-Lager eine Neigung, der griechischen Regierung den Hauptgewinn zu überlassen, d.h. in die teilweise Preisgabe der EU-Maximen für Hilfskredite einzuwilligen.

Wovon die EU bislang kaum Gebrauch gemacht hat, ist die Beeinflussung der griechischen Öffentlichkeit, also v.a. der Syriza-Wähler, ganz bewusst an der griechischen Regierung vorbei. Könnte man doch die Bevölkerung ausführlich und präzise über ihr hochwahrscheinliches Schicksal nach einem Grexit aufklären. Das wäre zwar ein unfreundlicher Akt der Einmischung in die griechische Innenpolitik. Aber angesichts der sicheren Einkommensverluste und weiterer sozialer Opfer, die ein Grexit nach sich zieht, aber auch in Anbetracht des EU-üblichen Propagandaaufwands und der Vielfalt gedruckten Selbstlobs, wäre es nur ein kleiner Traditionsbruch, wenn der Bevölkerung endlich reiner Wein über die besondere Qualität der Regierungspolitik eingeschenkt würde. Das könnte sogar einigen Syriza-Abgeordneten Anlass zum Nachdenken – auch über ihre politische Zukunft – geben.

Würde sich die öffentliche Meinung in Griechenland zu Ungunsten von Syriza verändern, wäre die Selbstbindung der Regierung an das Maximalprogramm entwertet. Denn was Varoufakis und seine Kollegen vermutlich übersehen, ist, dass nur sie sich in einer Entweder-Oder-Situation befinden, aber nicht die EU. Diese könnte z.B. mit etwas Flexibilität seitens der EZB eine begrenzte Durststrecke überbrücken, bis sich in Hellas eine realitätsfreundlichere Regierung etabliert hat.

Die den Griechen zugemuteten Austeritätspakete waren gewiss nicht die beste Option, um dem Land aus der Schuldenkrise zu helfen. Wenn sich der Konflikt nun aber auf die Frage zuspitzt, ob die Steuerzahler in wirtschaftlich schwächeren Ländern die Kosten irrealer Wahlversprechen tragen sollen, steht für die EU mehr auf dem Spiel als nur das Schicksal Griechenlands.

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Wie die Syriza-Regierung der EU eine lange Nase machen könnte

Die neue Regierung Griechenlands wird von großen Hoffnungen ihrer Wähler getragen. Vielleicht wird sie einige Abstriche an den Wahlversprechen vornehmen müssen und nicht alle Reformen rückgängig machen, die in den letzten Jahren erfolgten. Aber Ambitionen und Anspruch der Syriza-Regierung stehen außer Frage. Deshalb ist es sinnvoll, den Kern eines Antispar- und Antireformpakets zu skizzieren, an dem sich die neue Regierung messen lassen wird. EZB und EU-Partner mögen daran die Power der neuen Regierung ablesen. Und den Syriza-Sympathisanten hilft ein solches Maximalprogramm, rechtzeitig eine etwaige Rechtsabweichung der griechischen Linken zu identifizieren.

(1) Das wichtigste Vorhaben der neuen Regierung ist der angestrebte Schuldenschnitt. Für diesen zweifellos schwierigsten Punkt bieten sich aus griechischer Sicht zwei Schritte an. Um die öffentliche Meinung in der EU zu gewinnen, könnte die Regierung sehr bald einen riesigen Katalog von Sparmaßnahmen zusammenstellen (aus etwa 497 konditionalen und miteinander verwobenen Einzelmaßnahmen), den zu bewerten die Experten der EU schlicht überfordern würde. Gleichzeitig wäre die Forderung nach Schuldenerlass regelmäßig in Erinnerung zu rufen, aber ohne das mit einem Verhandlungsvorschlag zu verbinden. Das würde die EU-Partner so sehr nerven, dass sie schließlich selbst eine Konferenz zum Thema Schuldenerlass anberaumen. Weil sie dann mit einem eigenen Konzept in die Verhandlungen gehen müssten, hätte Griechenland schon halb gewonnen.

Allerdings wäre damit noch nicht geklärt, wie die vom Schuldenerlass betroffenen Gläubiger zur Vergabe neuer Darlehn motiviert werden können. Hierfür müssten u.U. sorgfältig abgezirkelte Drohungen an Brüssel und Berlin adressiert werden, die auch einen ökonomischen Selbstmord Griechenlands einschließen, ohne Zwangsmaßnahmen gegen einzelne EU-Mitglieder auszuschließen. Näheres wäre vom neuen Putin-freundlichen Verteidigungsminister Kammenos auszuarbeiten.

(2) Der öffentliche Dienst Griechenlands ist unter dem Druck der Sparauflagen der Troika um rund ein Drittel geschrumpft. Für Syriza kommt es deshalb darauf an, einerseits den ursprünglichen Personalstand von knapp einer Million wiederherzustellen und andererseits einige hunderttausend weiterer Stellen zu schaffen. So könnte man auf vielen existierenden Stellen eine zweite Person einstellen — wenn es dabei nicht ein Problem gäbe: Weil es in aller Regel nicht genügend Arbeit für zwei gibt, werden sich die beiden Kollegen ständig in den Haaren liegen, wer das bisschen Arbeit erledigen soll. Das wahrscheinlichste Ergebnis ist, dass die Arbeit liegen bleibt. Hierfür gibt es jedoch eine naheliegende und in mehrfacher Hinsicht sinnvolle Problemlösung: die Einstellung einer dritten Person. Diese würde entweder den Kollegenstreit schlichten oder der Einfachheit das Erforderliche selbst erledigen. Auf diese Weise ließe sich nicht nur die exorbitante Arbeitslosigkeit überwinden, sondern auch eine hochmotivierte und zufriedene Beamtenschaft gewinnen.

(3) Die Schaffung einer kostenlosen Gesundheitsversorgung gehört zu den wichtigsten Zielen von Alexis Tsipras. Damit könnten viele Arbeitnehmer und Rentner mit unzureichendem Einkommen eine deutliche Verbesserung ihrer Lage erfahren. Der einzige Nachteil ist, dass die Finanzierung des Gesundheitswesens noch schwieriger würde. Deshalb sollte die Regierung auf eine bekannte und erprobte Problemlösung zurückgreifen: freiwillige Direktzahlungen der Patienten an die behandelnden Ärzte und das Pflegepersonal. Auf diese Weise würde kein Patient höher belastet werden als er und seine Verwandten im Notfall tatsächlich aufzubringen vermögen. Dank dieser zweiten Quelle wären auch die Einkommen der Beschäftigten gesichert. Und in formaler Hinsicht mit Blick auf den Staatshaushalt bliebe die Gesundheitsversorgung vollständig kostenlos.

(4) Die versprochene Rückkehr zu den guten Verhältnissen vor der Troika-Intervention erfordert auch die Wiederherstellung einer besonderen Sozialleistung: die Weiterzahlung von Renten an die Familien verstorbener Rentner. Diese im EU-Rahmen etwas ungewöhnliche Praxis hat in Griechenland ebenso sehr zur Beliebtheit des Sozialstaats beigetragen wie die Schwarzarbeit und die allgemein tolerierte Umgehung von Steuerpflichten.

Wie schon bei der Anhebung der übrigen von Kürzung betroffenen Sozialleistungen sind ernsthafte Finanzierungsprobleme nicht zu erwarten. Immerhin genießt die neue Regierung die bedingungslose Unterstützung der Linksparteien in EU-Staaten wie Deutschland, Spanien und Frankreich. Diese werden sich mit Entschiedenheit für Solidarzahlungen ihrer Länder an Griechenland einsetzen und notfalls selbst in die Bresche springen, um die Syriza-Regierung aus ihren Mitgliederbeiträgen zu unterstützen.

Alles in allem bestehen also gute Chancen, dass die neue griechische Regierung ihre Wahlversprechen einlösen wird und das Land seinen alten Wohlstand für eine begrenzte Zeit zurückgewinnt. Mit den unvermeidlichen Folgeproblemen müsste sich dann die nächste Regierung befassen.

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Die Frauenquote im Aufsichtsrat – eine Utopie wird wahr!

Papst Franziskus hat Europa ausgeschimpft. Wir hätten kaum mehr Ideale, keine Utopien, allenfalls ein paar unverbindliche Werte, die wir billig verhökern oder von Wladimir Putin in den Schmutz ziehen lassen. Stimmt das wirklich? Etwa auch für unsere so werthaltigen Parteien?

Hier ist Widerspruch angesagt. Sind es nicht gerade CDU/CSU und SPD, die der Welt gerade jetzt eine epochale Innovation vorleben: die Frauenquote im Aufsichtsrat der Großunternehmen? Nachdem Frauen heute gern die Militärlaufbahn bis zur Verteidigungsministerin durchlaufen und auch selbst über erhebliches Unternehmensvermögen gebieten (z. B. Klatten, Mohn, Schaeffler), ist die Zeit gekommen, dem himmelschreienden Unrecht ihrer Unterrepräsentation im Aufsichtsrat abzuhelfen. Nicht zuletzt auch, weil sonst allen gleichstellungsbewussten Aktionären der Geduldsfaden reißt.
Doch ist das Problem tatsächlich mit der Verabschiedung des Quotengesetzes gelöst? Nur besonders naive Parlamentarier konnten auf die Idee kommen, es sei ein Kinderspiel, einige Hundert gut dotierte Aufsichtsratssitze mit Damenpopos zu besetzen. Bedenkt man, dass die Kandidatinnen neben den genuin weiblichen Eigenschaften und einem Mindestmaß von Wirtschaftskompetenz auch ein überragendes Verständnis der Aktionärsinteressen mitbringen müssen, schrumpft das Kandidatinnenreservoir dramatisch.

Davon ist die Anteilseignerseite weitaus stärker betroffen als die Arbeitnehmerbank. Letztere müssen nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung bis 2016 zwar immerhin 91 Mandate zugunsten von Frauen umbesetzen; die Aktionärsvertreter aber sogar 142. Und genau das ist der Punkt, an dem eine schöne Utopie (frau erinnert sich: Franziskus hat das angemahnt) real werden wird.

Woher sollen die Anteilseigner so viele weibliche Wahrer der Kapitalinteressen nehmen? Es mag wohl einige interessierte und zuverlässige Vorstandssekretärinnen geben; aber diese würden nur für die Arbeitnehmerseite zählen. Auch könnten einige der wenigen weiblichen Unternehmensvorstände in den Aufsichtsrat wechseln; aber die sind in der Regel erst 50 bis 60 Jahre alt und somit viel zu jung. Oder sie sind als Chefin zu erfolgreich, also unentbehrlich.

Bevor sich die Vorstände unserer bekanntesten Großunternehmen nolens volens gezwungen sehen, die Kontrollbefugnis über ihr Tun und Lassen in die Hände von wirtschaftsfreundlichen Politikerinnen (Typ Aigner oder Haderthauer) zu legen, werden sie gewiss ihre nächstliegende Personalressource sondieren, nämlich die weiblichen Haushaltsmitglieder. Was wäre besser geeignet, um dem ewigen Quengeln nach mehr Taschengeld, einem „eigenen“ Einkommen oder einer „guten“ Berufstätigkeit ein Ende zu setzen – und dafür die Zuverlässig- und Gutmütigkeit eines besonders nahe stehenden Aufsichtsratsmitglied zu gewinnen? Hinzukämen noch jede Menge weiterer Vorteile: erleichterte Terminkoordination in der Ehe, Klimaentlastung durch gemeinsame Fahrten zur Aufsichtsratssitzung, aber vor allem: eine sinnvolle Beschäftigung der Allerliebsten, wenn die Kinder aus dem Haus sind und das Klimakterium dräut.

Wohlmeinende Gemüter werden jetzt protestieren und behaupten, so etwas käme zwar im bayerischen Landtag, aber doch nicht in den honorig-rationalen Milieus der Großindustrie vor. Sie irren. Die Versöhnung von Kapitalinteresse und Ehefrieden – bis vor kurzem bloß eine gesellschaftsbeglückende Utopie – ist bereits erprobt. Seit Ursula Piëch, Ehefrau des VW-Patriarchen Ferdinand Piëch, 2012 in den Aufsichtsrat von Europas größtem Autokonzern einzog, ist der Beweis erbracht: (Kapitalistisches) System und (eheliche) Lebenswelt vertragen sich bestens, was sich am Konzernergebnis und fürs gemeine Volk an Preis und Qualität der vierrädrigen Produkte ablesen lässt. Der Papst kann also aufatmen. Die Utopie – sie lebt und wächst! Demnächst, dank Gabriel und Schwesig, auch bei Ihrem Arbeitgeber.

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Es wäre so einfach: Ausländerbegrüßung statt Ausländermaut

Die Einführung einer Maut – ohne Mehrkosten für Inländer – war das innovativste Wahlversprechen. Für die CSU-Politiker und ihre Wähler ging es genau besehen gar nicht so sehr ums Geld als vielmehr um Gerechtigkeit und Ehre. Denn Bayern haben eigentlich nichts gegen Ausländer. Gelegentlich fahren sie sogar selbst in deren Heimat, wo sie für ihr tadelloses Auftreten berühmt und beliebt sind. Aber was viele Bayern und Bayerinnen regelmäßig auf die Palme bringt, ist die Art, wie sich die Ausländer im Inland benehmen.

Österreicher, die von Bregenz nach Salzburg wollen, wählen zum Beispiel gern die Route über München, nur um 40 km Fahrstrecke, 50 Minuten Fahrzeit und rund 10 kg CO2-Emission zu sparen – solche Schlawiner! Dabei kommt es hin und wieder vor, dass sie deutsche Autofahrer respektlos überholen oder einen Stauplatz vor (statt hinter) ihnen beanspruchen – ohne ein Zeichen der Dankbarkeit und Ehrerbietung zu geben. Sie benehmen sich, als ob hier und heute so etwas wie eine Europäische Gemeinschaft existieren würde, in welcher der freie Verkehr von Gütern und Personen normal wäre.

Dem soll nun mit der neuen Seehofer/Dobrindt-Maut ein Riegel vorgeschoben werden. Das Elend ist nur, dass das so viele Inländer und erst recht die betroffenen Ausländer nicht einsehen wollen. So musste der bayerische Ministerpräsident schon ein Diskussionsverbot aussprechen. Das gilt natürlich nur für seine Minister, von denen doch tatsächlich einer forderte, dass die Maut ausgerechnet solchen Ausländern erlassen werden sollte, die sich in Grenznähe tummeln. Aber das sind genau jene, derentwegen die Idee der Ausländermaut überhaupt erst aufgekommen ist! Regieren in Bayern ist kein Kinderspiel.

Angesichts des Mautdebakels gibt es immerhin noch die Möglichkeit, sich auf den harten Kern des bayerischen Anliegens zu besinnen. Bekanntlich geht es um den Gerechtigkeitssinn vieler Bayern, die unter den Mautgebühren der Schweiz und Österreichs besonders dann leiden, wenn sie Schweizer oder Österreicher erblicken, die mautfrei über deutsche Autobahnen rauschen. Es ist ihr ausgeprägtes Ehrgefühl, das die nichtzahlenden Ausländer so schmerzvoll verletzen.

Die Frage lautet also: Wie ließe sich die bayerische Ehre auf anderem Wege wiederherstellen als mit einer in jeder Hinsicht dysfunktionalen Maut? Eine Ehre kann man bekanntlich auf zwei Arten pflegen. Entweder, indem man etwas Ehrenhaftes tut. Oder indem man andere in ihrer Ehre herabsetzt. Genau hier liegt der Schlüssel für unser Problem.

Es gilt zu überlegen, wie man die mautsparenden Ausländer demütigen kann, ohne gegen EU-Vorschriften oder eigene Interessen zu verstoßen. Eine von vielen Möglichkeiten wäre diese: Wir errichten auf einigen Autobahnparkplätzen „Ausländer-Begrüßungsstationen“. Dort werden die Ausländer von der Polizei herausgewinkt und auf ein kleines Podium gebeten, wo man sie – ganz nach Laune des belustigten Publikums – um einen Liedbeitrag und persönliche Stellungnahmen (zu ihrer Deutschlandliebe, ihren erotischen Vorlieben oder ähnlichen RTLII-Themen) bittet. Die ausländischen Touristen, Manager, Medienfritzen usw., die sich bereitwillig demütigen lassen, können bald wieder ins Auto steigen und abbrausen. Schüchterne Ausländer, ob jung oder alt, müssen halt etwas mehr Zeit nach Deutschland mitbringen.

So ein Demütigungskonzept ist nicht nur relativ preiswert. Es hat noch mehr Vorteile. Es ist voll EU-verträglich; und die einzelnen Bundesländer könnten entsprechend ihrer jeweiligen Neigung für Ausländerdemütigung eigene Akzente setzen. Bayern, die unter den mautfreien Ausländern besonders leiden, könnten beim Demütigungsritual persönlich mitwirken. Norddeutsche könnten durchreisende Dänen oder Niederländer mit Blumen begrüßen oder ganz auf das Ritual verzichten. Zugegeben, eine solche bundesweite Regelung hätte allerdings den Nachteil, dass man den Ausländern schon wieder einen Gefallen tun würde. Aber das muss man aushalten.

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Das Endspiel muss vertagt werden! Wir sind nicht vorbereitet! Nicht auf den Sieg, nicht auf die Niederlage!

7:1 hat die Welt verändert. Immer mehr Menschen ist klargeworden, welche Konsequenzen das für die Endspielfolgen hat.

Wenn Deutschland jetzt auch noch Weltmeister wird, drehen wir durch. Dann haben wir jedes Recht der Welt dazu. Das hat politische, ökonomische und populistische Folgen. Sollen wir uns dann noch von der EU vorschreiben lassen, wieviel Maut die Ausländer abdrücken müssen? Nein. Kann man uns dann noch den ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat verweigern? Nein. Dürfen dann die ganzen FIFA-Milliarden weiter von der Schweiz gehortet werden? Vonwegen. Können wir es dann Brasilien und Argentinien abschlagen, sich unter den Schutzschirm von Bundesregierung und Bundeswehr zu stellen? Das geht überhaupt nicht.

Deshalb gibts eine klare Antwort auf die Frage „Sind wir vorbereitet?“: Nein, sind wir nicht. Der Bundestag muss erst einen Endsiegausschuss einrichten und alle Konsequenzen unter Beteiligung der Ministerialbürokratie durchdiskutieren. Und die Spieler der WM-Elf müssen mitbestimmen können, denn sie sind die Hauptakteure.

Was aber wird sein, wenn Deutschland das Endspiel verliert? Ein Monat Trauer, schwarze Fahnen und Trauergottesdienste auf freiem Feld (public praying) helfen nicht viel, wenn das Sozialprodukt um 2 oder 3 Prozent zurückgeht. Deutschland wird sich dann auf seine eigene Stärke besinnen – und allen zeigen müssen, wer wir trotzdem sind. Dann muss Schluss damit sein, dass uns die EU vorschreiben will, wieviel Maut die Ausländer abdrücken müssen! Und es ist auch nicht mehr hinnehmbar, uns einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat zu verweigern! Endgültig untragbar wird es dann sein, dass die ganzen FIFA-Milliarden weiterhin von der Schweiz gehortet werden! Und schließlich müssten wir nach anderen Ländern Ausschau halten, die Lust haben, sich unter den Schutzschirm von Bundesregierung und Bundeswehr zu stellen! Ziemlicher Mist.

Also müssen auch die Folgen der Niederlage gründlich vordiskutiert, vorgefühlt und vorgeplant werden.

WEITERSAGEN: DAS ENDSPIEL WIRD VERTAGT.

Kleiner Tipp: Wenn die FIFA rechtzeitig erfährt, dass sich am Sonntag kein Mensch die Endspielübertragung ansehen wird (public refusal), wird sie selbst die ganze Geschichte absagen. Denn eigentlich gehts beim World Cup vor allem um eines: ums Geld.

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Herr „Deutsch“ von der SPD? Besser nicht Martin Schulz

Die SPD-Kampagne für Martin Schulz als künftigen Präsidenten der EU-Kommission hatte schon länger Züge einer strategisch angelegten Gehirnwäsche. Dabei ist es keineswegs so, als hätte der Kandidat nicht manches Vernünftige und Notwendige zur Ausrichtung der EU-Politik zu sagen gehabt. Aber es war auch wieder nicht sonderlich originell, zumal er bei allen wichtigen Themen mit dem Rivalen Claude Juncker übereinstimmt.

Was Schulz und die SPD-Werber uns einzuhämmern versuchten, war eine politische Fata Morgana: Wenn der fleißige Martin tatsächlich zum Kommissionspräsidenten erwählt (nicht: von uns Wählern gewählt; das dürfen wir ja gar nicht) würde, dann wäre er berechtigt und ermächtigt, das Ruder der EU in nahezu beliebige Richtungen umzuwerfen. Achtundzwanzig Regierungschefs müssten sich dann ducken und demütig den Ansagen des Präsidenten lauschen. Denn das sollten wir glauben: Die ganze Macht der EU gipfelt im Kommissionspräsidenten.

Schulz-Plakat

Vielleicht gibt es eine Menge Wähler, die dieser Suggestion auf den Leim gehen. Leute, denen bislang nicht auffiel, dass die EU genau andersherum gebaut ist und andersherum funktioniert. Dass nur diejenigen Projekte in Angriff genommen oder – falls sie aus den Lobbykreisen und der Brüsseler Bürokratie stammen – geduldet und akzeptiert werden, die dem Europäischen Rat, also den Regierungschefs, genehm sind. Die Kommission und ihr Präsident dürfen sich dann, etwas verkürzt gesagt, um ihre Umsetzung verdient machen.Schulz-Anzeiger der SPD

Auf den letzten Metern des Wahlkrampfs ist nun etwas unerwartet Interessantes passiert: Die SPD glaubt selbst nicht mehr an das von ihr und Schulz so penetrant aufgebauschte Strategiemotiv eines Machtwechsels. Plötzlich mag man nicht mehr nur auf das Wählersegment der EU-Unbedarften setzen. So hat man sich entschlossen, zusätzlich die national-chauvinistische Karte ins Spiel zu bringen. Großplakate verkünden, was niemand bislang bezweifelte: Der SPD-Kandidat ist „Aus Deutschland“! Und in Zeitungsanzeigen verspricht die SPD, dass mit Schulz „ein Deutscher“ EU-Präsident würde. Dieser Tenor der SPD-Werbung schlägt so ziemlich Allen ins Gesicht, die Entwicklung und Kurs der Europäischen Union ungeachtet ihrer zahlreichen Mängel prinzipiell begrüßt haben. Die Parole „Deutschland Vorn“ mag vielleicht für die Ballspiele der FIFA passen, aber definitiv nicht für eine Institution, die vor allem auf Ausgleich, Vermittlung und Umsetzung ausgerichtet sein muss.

Was sich die SPD da geleistet hat, hätte man schlimmstenfalls der  AfD zugetraut. Vergleichsweise liebenswert-harmlos mutet demgegenüber Horst Seehofers Appell an, in der Europawahl „Bayern zu stärken“. Hätte etwa Angela Merkel besser aufpassen müssen, was für Panikattacken ihrem Koalitionspartner drohen, wenns ernst wird?

 

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