EU oder Hellas: Wer blufft besser im Chicken Game?

Finanzminister Yanis Varoufakis ist mit der modernen Spiel- und Verhandlungstheorie vertraut. Er hat ein Lehrbuch zur Spieltheorie und einiges zu ihrer Anwendung verfasst. Nach seiner Zitationsbilanz bei Google Scholar spielt Varoufakis in der Fachwelt zwar keine herausgehobene Rolle. Doch ist es mehr als wahrscheinlich, dass die Verhandlungsstrategie der griechischen Regierung von seinem spieltheoretischen Knowhow inspiriert ist.

Gewiss ist eine Analyse des Griechenland-Spiels vor Abschluss der Endphase mit Unsicherheit behaftet. Wir wissen nicht alles, was in den Verhandlungsarenen angesagt und ausgespielt wurde. Was an die Öffentlichkeit gelangte, ist nur eine Teilmenge aller Spielzüge und allemal das Ergebnis taktischer Selektion. Zu oft erwiesen sich lauthals verkündete dead lines als irrelevant; skeptische Prognosen wurden immer wieder von optimistischen Einschätzungen relativiert.

Nun scheint es, als würde das Spiel bald ans Ende gelangen. Die EU-Verhandler haben keinen Zweifel mehr, dass sich die griechische Regierung in einem chicken game wähnt. In einem solchen „Feiglings-Spiel“ geht es darum, wer zuerst die Nerven verliert. Nach der Logik des Spiels verliert derjenige, der aus Angst vor einem Scheitern zurücksteckt. Das kann nach Einschätzung der Griechen nur die EU sein.

In einer prägnanten Illustration des chicken game rasen zwei Wagen auf einer engen Straße aufeinander zu. Als Verlierer gilt derjenige, der im letzten Moment ausweicht. Wer unbedingt als Sieger aus der Konfrontation hervorgehen will, muss sich der Ausweichoption entledigen, z.B. indem er – für den Gegner gut erkennbar – das Lenkrad abzieht und aus dem Wagen wirft. Wer sich scheinbar unwiderruflich an die Durchhalteoption bindet, ist jedem rational kalkulierenden Gegner überlegen. Nur ein Dummkopf würde dann das gleiche tun und es zur Katastrophe (im Beispiel den Frontalzusammenstoß) kommen lassen. Zurecht unterstellt die griechische Regierung, dass die EU das unbedingt vermeiden will.

Mit ihren jüngsten Auftritten im Parlament und bei der Regierungspartei machten Tsipras und Varoufakis ihre Entscheidung für die Durchhalteoption deutlich. Sie gaben nicht nur den Radikalen im eigenen Lager Zunder, sondern signalisierten den EU-Verhandlern ihre Bindung an das eigene Maximalziel.

Offensichtlich unterstellt die griechische Seite der EU für den Fall eines Grexits einen weitaus größeren Schaden als ihn Griechenland in Kauf zunehmen hätte. Die ausgedehnte Verhandlungsperiode und diverse Wohlwollenssignale dürften sie darin bestärkt haben. Das haben die EU-Vertreter erst kürzlich korrigiert, als sie anfingen, von der Verkraftbarkeit eines Euro-Austritts der Griechen zu sprechen. Damit ist eine Art Gleichstand in den Spielzügen eingetreten.

Allerdings hat die EU eine ihrer möglichen Optionen bislang ungenutzt gelassen. Entweder hat man den Konflikt lange Zeit in allzu mildem Licht betrachtet. Oder es gab (gibt?) im EU-Lager eine Neigung, der griechischen Regierung den Hauptgewinn zu überlassen, d.h. in die teilweise Preisgabe der EU-Maximen für Hilfskredite einzuwilligen.

Wovon die EU bislang kaum Gebrauch gemacht hat, ist die Beeinflussung der griechischen Öffentlichkeit, also v.a. der Syriza-Wähler, ganz bewusst an der griechischen Regierung vorbei. Könnte man doch die Bevölkerung ausführlich und präzise über ihr hochwahrscheinliches Schicksal nach einem Grexit aufklären. Das wäre zwar ein unfreundlicher Akt der Einmischung in die griechische Innenpolitik. Aber angesichts der sicheren Einkommensverluste und weiterer sozialer Opfer, die ein Grexit nach sich zieht, aber auch in Anbetracht des EU-üblichen Propagandaaufwands und der Vielfalt gedruckten Selbstlobs, wäre es nur ein kleiner Traditionsbruch, wenn der Bevölkerung endlich reiner Wein über die besondere Qualität der Regierungspolitik eingeschenkt würde. Das könnte sogar einigen Syriza-Abgeordneten Anlass zum Nachdenken – auch über ihre politische Zukunft – geben.

Würde sich die öffentliche Meinung in Griechenland zu Ungunsten von Syriza verändern, wäre die Selbstbindung der Regierung an das Maximalprogramm entwertet. Denn was Varoufakis und seine Kollegen vermutlich übersehen, ist, dass nur sie sich in einer Entweder-Oder-Situation befinden, aber nicht die EU. Diese könnte z.B. mit etwas Flexibilität seitens der EZB eine begrenzte Durststrecke überbrücken, bis sich in Hellas eine realitätsfreundlichere Regierung etabliert hat.

Die den Griechen zugemuteten Austeritätspakete waren gewiss nicht die beste Option, um dem Land aus der Schuldenkrise zu helfen. Wenn sich der Konflikt nun aber auf die Frage zuspitzt, ob die Steuerzahler in wirtschaftlich schwächeren Ländern die Kosten irrealer Wahlversprechen tragen sollen, steht für die EU mehr auf dem Spiel als nur das Schicksal Griechenlands.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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Eine Antwort zu EU oder Hellas: Wer blufft besser im Chicken Game?

  1. hildegardlewi schreibt:

    Sehr wortreich analysiert. Vielen Dank. Ergänzend oder erleuchtend: Es ist einfach unerläßlich, zu googeln. z.B. – Glass-Steagall act Wikipedia – und die darauffolgenden Google-Beiträge.
    Ich glaube, das erhellt auch ein wenig den Hintergrund. Für einen Laien ist das immer etwas verwirrend

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