Die Frauenquote im Aufsichtsrat – eine Utopie wird wahr!

Papst Franziskus hat Europa ausgeschimpft. Wir hätten kaum mehr Ideale, keine Utopien, allenfalls ein paar unverbindliche Werte, die wir billig verhökern oder von Wladimir Putin in den Schmutz ziehen lassen. Stimmt das wirklich? Etwa auch für unsere so werthaltigen Parteien?

Hier ist Widerspruch angesagt. Sind es nicht gerade CDU/CSU und SPD, die der Welt gerade jetzt eine epochale Innovation vorleben: die Frauenquote im Aufsichtsrat der Großunternehmen? Nachdem Frauen heute gern die Militärlaufbahn bis zur Verteidigungsministerin durchlaufen und auch selbst über erhebliches Unternehmensvermögen gebieten (z. B. Klatten, Mohn, Schaeffler), ist die Zeit gekommen, dem himmelschreienden Unrecht ihrer Unterrepräsentation im Aufsichtsrat abzuhelfen. Nicht zuletzt auch, weil sonst allen gleichstellungsbewussten Aktionären der Geduldsfaden reißt.
Doch ist das Problem tatsächlich mit der Verabschiedung des Quotengesetzes gelöst? Nur besonders naive Parlamentarier konnten auf die Idee kommen, es sei ein Kinderspiel, einige Hundert gut dotierte Aufsichtsratssitze mit Damenpopos zu besetzen. Bedenkt man, dass die Kandidatinnen neben den genuin weiblichen Eigenschaften und einem Mindestmaß von Wirtschaftskompetenz auch ein überragendes Verständnis der Aktionärsinteressen mitbringen müssen, schrumpft das Kandidatinnenreservoir dramatisch.

Davon ist die Anteilseignerseite weitaus stärker betroffen als die Arbeitnehmerbank. Letztere müssen nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung bis 2016 zwar immerhin 91 Mandate zugunsten von Frauen umbesetzen; die Aktionärsvertreter aber sogar 142. Und genau das ist der Punkt, an dem eine schöne Utopie (frau erinnert sich: Franziskus hat das angemahnt) real werden wird.

Woher sollen die Anteilseigner so viele weibliche Wahrer der Kapitalinteressen nehmen? Es mag wohl einige interessierte und zuverlässige Vorstandssekretärinnen geben; aber diese würden nur für die Arbeitnehmerseite zählen. Auch könnten einige der wenigen weiblichen Unternehmensvorstände in den Aufsichtsrat wechseln; aber die sind in der Regel erst 50 bis 60 Jahre alt und somit viel zu jung. Oder sie sind als Chefin zu erfolgreich, also unentbehrlich.

Bevor sich die Vorstände unserer bekanntesten Großunternehmen nolens volens gezwungen sehen, die Kontrollbefugnis über ihr Tun und Lassen in die Hände von wirtschaftsfreundlichen Politikerinnen (Typ Aigner oder Haderthauer) zu legen, werden sie gewiss ihre nächstliegende Personalressource sondieren, nämlich die weiblichen Haushaltsmitglieder. Was wäre besser geeignet, um dem ewigen Quengeln nach mehr Taschengeld, einem „eigenen“ Einkommen oder einer „guten“ Berufstätigkeit ein Ende zu setzen – und dafür die Zuverlässig- und Gutmütigkeit eines besonders nahe stehenden Aufsichtsratsmitglied zu gewinnen? Hinzukämen noch jede Menge weiterer Vorteile: erleichterte Terminkoordination in der Ehe, Klimaentlastung durch gemeinsame Fahrten zur Aufsichtsratssitzung, aber vor allem: eine sinnvolle Beschäftigung der Allerliebsten, wenn die Kinder aus dem Haus sind und das Klimakterium dräut.

Wohlmeinende Gemüter werden jetzt protestieren und behaupten, so etwas käme zwar im bayerischen Landtag, aber doch nicht in den honorig-rationalen Milieus der Großindustrie vor. Sie irren. Die Versöhnung von Kapitalinteresse und Ehefrieden – bis vor kurzem bloß eine gesellschaftsbeglückende Utopie – ist bereits erprobt. Seit Ursula Piëch, Ehefrau des VW-Patriarchen Ferdinand Piëch, 2012 in den Aufsichtsrat von Europas größtem Autokonzern einzog, ist der Beweis erbracht: (Kapitalistisches) System und (eheliche) Lebenswelt vertragen sich bestens, was sich am Konzernergebnis und fürs gemeine Volk an Preis und Qualität der vierrädrigen Produkte ablesen lässt. Der Papst kann also aufatmen. Die Utopie – sie lebt und wächst! Demnächst, dank Gabriel und Schwesig, auch bei Ihrem Arbeitgeber.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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