Schavan: Good News from D’dorf – Wissenschaft bleibt autonom!

Die Entscheidung des Fakultätsrats der Philosophie, die als Entscheidung der Universität Düsseldorf gelten kann, ist wohlbegründet. Sie beruht auf unzweideutigen, von jedermann nachprüfbaren Fakten. Trotzdem war sie nicht unbedingt vorhersehbar. Und sie wird umstritten bleiben. Denn in diesem Fall, in dem es um die akademische Würde einer hochgeschätzten bundesprominenten Person ging, haben bekannte Wissenschaftler selbst für eine unstatthafte Grenzüberschreitung plädiert – mit ihrer Forderung, die Uni möge doch ein Auge zudrücken.

Also lautet die gute Nachricht: Wissenschaft und Politik sind immer noch autonome, nach eigenen Regeln verfahrende Teilsysteme der Gesellschaft. Wer das – und sei es nur fallweise – anders sehen mag, muss auf Enttäuschungen gefasst sein. Sicherlich existieren strukturelle Kopplungen zwischen den Teilsystemen (worauf ein Blog-Kommentator aufmerksam machte). Aber diese betreffen außer dem Transfer von Ressourcen und Wissen vielleicht noch die Themen der Forschung und manchmal auch (womöglich erwünschte) Ergebnisse, aber nicht persönliche Gefälligkeiten – zumindest nicht im Fall Schavan. Summa cum laude für die Verteidiger des wissenschaftlichen Ethos.

Die Wirkungen der Entscheidung dürften allerdings nicht allerorten geschätzt sein. Derzeitige und künftige Doktoranden müssen sich ordentlich anstrengen, um die „benutzten“ Autoren sinngemäß zu referieren statt wortgetreu zu kopieren (Quellenangabe nicht vergessen!). Und die akademischen Prüfer werden die Vermehrung ihrer Arbeitslast nicht mehr los. Denn nunmehr gilt es, jedem Plagiatsverdacht nachzugehen – mit oder ohne Spezial-Software. Als Trost bleibt: Die detektivische Lektüre von Promi-Dissertationen wird sich noch für etliche Jahre lohnen – als eine Art Personalpolitik von unten.

Ein Rätsel konnten die Düsseldorfer wohl nicht lösen: Was hat Annette Schavan bewogen, ihre gut dokumentierte Regelverletzung bis zuletzt zu leugnen? Die Antwort wissen vielleicht nur jene, die sie persönlich kennen. Handelt es sich etwa um ein Phänomen statusinduzierter Amnesie? Oder um die Verdrängung jenes Gemütszustands, in dem die jugendliche Doktorandin ihre Wahl traf: nämlich den Worten kompetenter Textschöpfer den Vorrang einzuräumen vor den unsicheren und weniger eleganten Formulierungen der Studentin? Das wäre naiv und ein klarer Regelverstoß, aber nicht Ausdruck niederer Gesinnung gewesen. Fall sie die heute erhaltene Quittung als schmerzhaft empfindet, mag sie sich mit dem trösten, was ihr die so begründete Karriere alles ermöglicht hat.

Zum Schluss stellt sich noch die Frage, was das ganze Getue um den Doktortitel heute noch soll. Es gibt so viele tüchtige, belesene, verantwortungsvolle und (ja, das auch) hochintelligente Personen ohne diesen Namensvorsatz – nicht nur unter Akademikern, auch unter Handwerkern, Unternehmern und Reinigungskräften. Als akademischer Titel macht der Doktor nur dort Sinn, wo er eine erfolgreich abgelegte Prüfung anzeigt (wie Meister, Ingenieur, Mechatroniker usw.), also in Bewerbungsverfahren und bei der Werbung um Aufträge. Deshalb die Forderung: Schafft endlich den Namenszusatz „Dr.“ im Personalausweis, auf Personenurkunden usw. ab.  Dann wird er für die Status-Süchtigen wertlos und es brauchen ihn nur noch die, die besondere Fähigkeiten beweisen wollen.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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