Deutschland im Schavan-Test: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?

Auf den ersten Blick geht es beim Plagiatsverdacht nur um das politische Schicksal von Annette Schavan – bleibt sie oder geht sie? Tatsächlich geht es aber um viel mehr, nämlich den Grundcharakter unseres Gesellschaftssystems. Wieso?

Der zu Grunde liegende Sachverhalt ist seit Sommer 2012 klar und eindeutig. Die Doktorandin hat in ihrer Dissertation mehrfach fremde Textpartien als eigene ausgegeben und gegen die Promotionsordnung der Universität verstoßen. (Wer da noch zweifelt, sei auf die ausführliche Dokumentation „schavanplag“ verwiesen.) Das zuständige Universitätsgremium hat deshalb das Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels eröffnet.

Dennoch hält die Ministerin Schavan – ähnlich wie einst der Minister Guttenberg – unbeirrt an der Version fest, nichts falsch gemacht zu haben. „Ich habe nicht abgeschrieben und schon gar nicht getäuscht“, betonte sie soeben laut FAZ bei ihrer Wahl zur CDU-Direktkandidatin des heimatlichen CDU-Kreisverbandes. So weit, so ähnlich.

Allerdings besteht ein erheblicher Unterschied zum Fall Guttenberg, der nach dessen Ausladung aus amerikanischen Universitäten buchstäblich in einem tiefen Fall endete. Die als kompetent, tüchtig und sympathisch beschriebene Ministerin erhielt und erhält eine ganze Serie von Entlastungs- und Unterstützungsbekundungen durch prominente Zeitgenossen, nicht nur von der Kanzlerin und anderen Politikerkollegen, sondern auch aus der Wissenschaft, z.B. von einem ehemaligen DFG-Präsidenten und der Allianz der Wissenschaftsorganisationen. Die FAZ moniert ein ganzes „Nutzfreundschaftsnetzwerk“, das sich zur Verteidigung Schavans formiert hat.

Die Argumente der Verteidiger wirken bei genauerer Prüfung fadenscheinig bis unsachlich, da sie nicht auf den Kern des Plagiatsvorwurfs, den Verstoß gegen die Promotionsordnung und die reichlich vorhandenen Belege eingehen (dazu das DLF-Interview mit Prof. Dannemann). Ihr Zweck ist ja auch ein anderer. Sie sollen es den zuständigen Gremienvertretern der Uni Düsseldorf möglichst schwer machen, zum Nachteil einer derart hochgestellten (und womöglich einflussreichen) Persönlichkeit wie Frau Schavan zu urteilen – gemäß der unausgesprochenen Maxime „So etwas tut man nicht“.

Mit diesem Ansinnen und der erstaunlichen Selbstsicherheit, die Frau Schavan daraus zu beziehen scheint, ist die Bühne für einen spannenden Selbsttest der Gesellschaft bereitet. Die Ausgangshypothese, für deren Bestätigung Schavan und ihre Unterstützer streiten, lautet: Die Grundstruktur der deutschen Gesellschaft ist hierarchisch gegliedert; die Politik vermag, wenn es darauf ankommt, die anderen Gesellschaftsbereiche zu dominieren.

Was manche nicht sonderlich aufregend finden mögen, weil sie es sich schon immer so gedacht haben, widerspricht allerdings diametral einer in Soziologie und Politikwissenschaft weithin geteilten Grundannahme, nämlich der der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften. Die besagt sinngemäß, dass die verschiedenen Teilsysteme der Gesellschaft, also Politik, Wirtschaft, Wissenschaft usw., bei allem wechselseitigen Leistungsaustausch letztenendes autonom sind und nach ihrer je eigenen Logik verfahren. Sie verfügen über ein je besonderes Betriebssystem mit eigenem Programmcode, der (so Niklas Luhmann) auf Machtdifferentiale, Zahlungsfähigkeit, Wahrheitsanspruch etc. Bezug nimmt.

Das heißt, die moderne Wissenschaft bleibt ein autonomes gesellschaftliches Teilsystem nur insofern, wie sie in ihren internen Entscheidungen ausschließlich nach ihren eigenen Regeln verfährt. Das war zu Zeiten der vormodernen (hierarchisch segmentierten, von Autokraten bzw. Religionswächtern beherrschten) Gesellschaft anders. Da wurde im Konfliktfall „politisch“ entschieden, was „wissenschaftlich“ Geltung haben durfte und was nicht. Wenn nun aus Kreisen der Wissenschaft selbst der Ruf kommt, wissenschaftliche Verfahrenskriterien aus Respekt vor hohen Ämtern oder zu Gunsten politischer Opportunität zurückzustellen, besteht tatsächlich eine reale Chance, der von der Wissenschaft in Anspruch genommenen Teilsystemautonomie Grenzen zu ziehen.

Sollte also der Schavan-Test auf den Grundcharakter der deutschen Gesellschaft (hierarchisch segmentiert vs. funktional differenziert) so ausgehen, wie sich das die Bundesministerin und ihre Unterstützer wünschen, dürfte das interessante Folgen haben. Deutschland würde (endlich wieder) eine herausragende Sonderrolle unter den modernen Gesellschaften der Welt einnehmen. Es könnte demonstrieren, welche Vorteile eine klare, berechenbare „Machtvertikale“ (so heißt das bei Wladimir Putin) gegenüber der Kakophonie autonomer Teilsysteme besitzt. Und die deutsche Politik könnte den engstirnigen Wissenschaftlern (wieder) einen klaren Kurs aufzeigen, wie sie rascher und umwegloser zu politisch wertvollen Erkenntnissen gelangen. Und deutsche Doktoranden wären endlich von der Mühsal befreit, international geltende Wissenschaftsnormen zu befolgen.

Vielleicht hat die Bildungsministerin genau diesen Großtest im Sinn. Egal wie er ausgeht, als Urheberin der Versuchsanordnung verdient sie den Respekt der Wissenschaftler.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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4 Antworten zu Deutschland im Schavan-Test: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?

  1. Jean schreibt:

    Sehr schön geschrieben! Ein kleiner Stimmungsaufheller an einem ansonsten grauen Tag 🙂

  2. EuroTanic schreibt:

    Bei der Vergabe von Bundesverdienstkreuzen wurde doch schon so verfahren? Es erhalten nach Parteienproports regelmässig in jedem Jahr einig Abgeordnete diese Auszeichnung. Ohne das irgendetwas geleistet werden musste. Ein Skandal, aber längst in Vergessenheit geraten.

  3. Kusanowsky schreibt:

    So sehr man sich auch verführt fühlen mag, die Vermutung zu bedenken, dass mit diesen Versuchen der Rettung eines Doktortitel aus politischen Gründen die Autonomie des Wissenschaftssystems angetastet wird, so wenig kann ein einzelner Fall so etwas bewirken. Gerade dieses eine Beispiel zeigt aber eigentlich genau das Gegenteil: in der Wissenschaft selbst finden sich Begründungsversuche, diese Doktortitel aus politischen Gründen zu retten; und diese Gründe beziehen sich ja nicht auf etwas Beliebiges, sondern auf wissenschaftspolitische Rücksichten, die ja in der Wissenschaft immer eine Rolle spielen. Die Förderung und Finanzierung von Forschung, die Rechtfertigung von Karrieren, die Weiterverwendung von Forschungsergebnisse unterliegen immer auch wissenschaftspolitischer Erwägungen. Und wenn man – wenn auch etwas überzeichnet – von einem Opportunismus sprechen möchte, so ist eben dieser Opportunismus ein wissenschaftsbezogener Opportunismus.
    Vielmehr scheinen diese offen ausgesprochen und ungeschönten Mitteilungen über die Wertschätzung einer politischen Persönlichkeit in wissenschaftspolitischen Angelegenheit eher davon zu sprechen, dass es um Erwartungen, Strukturbildung und damit auch um die Koppelung von Strukturen geht; und es zeigt sich die unverzichtbare Wichtigkeit struktureller Koppelung für die Autonomie von Funktionssystemen. Diese Koppelung lässt auch Überraschung zu, was für diesen Fall bestimmt gilt, denn noch ist nicht das Ende in Sicht. Für weitere Fälle – und es wird weitere Plagiatsfälle geben – resultieren daraus dann Vorentscheidungen, weil man ja nicht in jedem Fall beliebige Begründungen anführen kann.
    Zu diesen Thema hatte ich zurückliegend diesen Artikel geschrieben:

    https://differentia.wordpress.com/2012/10/02/die-unverzichtbarkeit-moral/

  4. Meine allerhöchste Hochachtung Herr Wiesenthal. Wie sie sicherlich wissen, hat die wissenschaftliche Einseitigkeit auch einen Preis. Nicht nur, dass die Hochschulen Geld bekommen haben, sie durften es auch frei verwenden. Der Bundesrechnungshof bemängelt, dass Gelder für Gehaltsgestaltung und Luxus-Reisen/Hotels zweckentfremdet verwendet wurden. Frau Schavan ist nicht bereits, diese Praxis zu ändern. Damit bekommt ihre Kommentierung einen weiteren Raum, der für mich unfassbar ist. Denn das sprengt allemal den Rahmen eines Herrn zu Guttenberg.

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