Uni Düsseldorf zwischen Skylla und Charybdis

Man möchte nicht in ihrer Haut stecken, in der Haut der Düsseldorfer Professoren, die ein Urteil über die Dissertation von Bundesministerin Schavan fällen müssen. Denn welches Ergebnis auch immer die vertraulichen Beratungen haben werden, der Schaden dürfte beträchtlich sein. Dazu haben das vorzeitig bekannt gewordene Gutachten von Stefan Rohrbacher, aber noch mehr die naiv-wohlmeinenden Verteidiger von Annette Schavan beigetragen – von Volker Kauders absurdem Befangenheitsvorwurf an eine ganze Uni bis zur peinlichen Herabwürdigung der Erziehungswissenschaft durch die Professoren Tenorth und Fend. Diesen zufolge handelt es sich bei der Erziehungswissenschaft um eine derart komplexe und intellektuell anspruchsvolle Disziplin, dass es für Doktoranden ebenso unzumutbar wie unüblich war, die umfangreiche Sekundärliteratur gemäß den Vorschriften der Promotionsordnung („keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt..:“) zu referieren.

Kämen die Düsseldorfer demnächst mit einem Urteil anhand der üblichen Definitionskriterien für Plagiate in die Öffentlichkeit, müssten sie der Ministerin einen Verstoß gegen die von ihr hochgehaltene akademische Standesethik bescheinigen. Das wäre nicht nur eine Aufforderung zum Amtsverzicht, sondern würde auch als Attacke auf die Bundesregierung (fehl-)interpretiert werden. Wieder einmal stünden namhafte Politiker der Regierungskoalition als akademische Schwindler da. Das wurmt nicht nur den Schavan-Freundeskreis.

Deshalb dürfte die Versuchung groß sein, den Argumenten des Typs Tenorth/Fend zu folgen und die Plagiate als versehentliche Schlamperei und dem „historischen Typus“ der Doktorarbeit entsprechend auszugeben. Dann bliebe Frau Schavan zwar der Doktortitel erhalten, aber der öffentliche Eindruck wäre fatal: Über die formale Korrektheit einer wissenschaftlichen Arbeit wird letztenendes politisch entschieden. Die passenden Schlagzeiten kann man sich vorstellen: „Hurra, Promibonus für Schummelgirl!“ Als weitere Folge dürften sich künftig noch mehr halbseidene Doktoren um Spitzenplätze auf der politischen Bühne reißen, weil sie nur „ganz oben“ vor dem jähen Absturz sicher sein können. Keine schöne Aussicht.

Was könnten die Düsseldorfer Professoren tun, um dem Dilemma zu entkommen? In der Sache nichts. Allenfalls könnten sie auf die Zeitebene ausweichen und sich bis zur Bundestagswahl „krank“ melden, um nicht in die Strudel von Skylla und Charybdis gesogen zu werden. Und in der Zwischenzeit die Promotionsordnung überarbeiten, z.B. eine Ergänzung vornehmen, die es Kandidaten gestattet, „im üblichen Umfang auch andere als die angegebenen Hilfsmittel“ zu benutzen.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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