Joachim Gauck im Präsidententest

Bundespräsidenten haben nichts zu sagen, aber müssen viele Reden halten. Trotzdem werden sie nicht an ihrem Gerede gemessen, sondern an ganz anderen Qualitäten: allgemein menschlichen und moralischen, dem Grad ihrer Politikferne und Abgehobenheit, letztenendes aber an dem Sachverhalt, ob man sich noch lange ihrer Fehler erinnert oder ob sie wohlmeinendem Vergessen anheimfallen. Der zweifellos beste Präsident in dieser Hinsicht ist Karl Carstens. Niemand kennt ihn noch, keiner redet von ihm, ein präsidialer Glücksfall, wenn man so will.

Joachim Gauck stellt sich dem Präsidententest mit erhöhtem Einsatz. Er will uns überreden, etwas, das wir haben, nämlich Freiheit, höher zu schätzen als wir es üblicherweise tun. Das ist keine schlechte Idee und müsste ihn eigentlich zum Liebling aller Minderheiten und vor allem der Piraten machen, denen es neben manch Löblichem um die Freiheit zum Raubkopieren und zur Internethehlerei geht. Zu bezweifeln ist allerdings, ob Gauck wirklich den ganzen Umfang eines auf Gesellschaftsfragen bezogenen Freiheitsbegriffs überblickt.

War es in einem Kommentar zur Präsidentenwahl oder in einem Interview mit Joachim Gauck selbst, jedenfalls tauchte letzte Woche wieder jene Phrase auf, mit der Profipolitiker seit Jahrzehnten die Tiefe und Ernsthaftigkeit ihrer Sorgen zu demonstrieren verstehen, nämlich die Frage nach dem, „was die Gesellschaft (eigentlich noch) zusammenhält“. Damit meinen die einen offene Grenzen, die Asylgesetzgebung und das Sprachengewirr auf der Neuköllner Karl-Marx-Strasse, andere dagegen schwankende Kriminalitätsziffern und die Steuerehrlichkeit von Spitzenverdienern. Nun steht zu befürchten, dass auch der Bundespräsident uns über kurz oder lang mit der Sorge konfrontieren wird, die Gesellschaft drohe — wie eine crispy Focaccia — auseinander zu brechen und bis auf wenige genießbare Segmente zu angebräuntem Staub zu zerfallen — keine beglückende Aussicht.

Sollte sich auch Gauck in diese Reihe besorgter Gesellschaftslamentierer stellen, so können wir endlich prüfen, ob seinem Faible für Freiheit ein angemessenes Verständnis der modernen, also unserer gegenwärtigen deutschen Gesellschaft zu Grunde liegt. Denn 99 % aller Politiker, die bislang fragten, „was die Gesellschaft (noch) zusammenhält“, waren einem Denk- und Beobachtungsfehler verhaftet, auf den der Soziologe Ferdinand Tönnies vor vielen Jahren aufmerksam gemacht hat. (Leider ist er 1936 gestorben, zu früh, um mit einem Bundesverdienstkreuz geehrt zu werden.)

Denn was die Besorgten umtreibt, ist eine dumme Vereinfachung: die Vorstellung, die Gesellschaft müsste sein und funktionieren wie eine intime Gemeinschaft, wie beispielsweise eine Familie, die unter dem Weihnachtsbaum fromme Lieder singt. Aber so ist Gesellschaft gerade nicht. Wenn man schon im Bild bleiben will, dann ähnelt Gesellschaft eher dem Stress beim Baumschmücken oder dem Familienkrach, wenn die erwachsenen Kinder lieber  eigene Wege gehen wollen als mit den Eltern die Erbtante besuchen. Gesellschaft beruht auf Verschiedenheit und ist alles andere als eine quasi-familiale Gemeinschaft.

Im anstehenden Präsidententest wird sich also zeigen, was Gaucks Freiheitsbegriff taugt. Ob es der Präsident versteht, eine sowohl freiheitsbewusste als auch differenzierte und gegenwartsgerechte Antwort auf die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt zu geben.  Das hieße, im Kontext von Freiheit auch von Verschiedenheit, Differenz und vor allem von der PLURALITÄT des Meinens, Wollens, Wissens und, ja auch davon, von der Vielfalt der Wertorientierungen zu reden. Von modernen Gesellschaften, die nicht durch Gleichursprünglichkeit, quasi-natürliche Hierarchien und das irreale Ideal der Gleichartigkeit „zusammengehalten“ werden, sondern durch die verbindlichen Spielregeln der Institutionen, durch Verfassung und Gesetze. Und auf individueller Ebene durch Toleranz, Normbefolgung und Gewaltverzicht.

Alle, die für mehr Gleichartigkeit plädieren, wollen genau genommen — ob sie es selber wissen oder nicht — in frühere Jahrhunderte zurück, in stärker hierachisierte Verhältnisse und zu den Risiken allgegenwärtiger Gewalt. Aber weil wir nicht zurück können und die Gesellschaft keine Gemeinschaft sein kann, sorgt ihr Gerede für Intoleranz und Unfrieden, so wie die Rede von der einen Leitkultur und der angeblich nötigen Einebnung des faktischen kulturellen Pluralismus. Hoffen wir auf einen Präsidenten, der dieser Gesellschaft gewachsen ist.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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Eine Antwort zu Joachim Gauck im Präsidententest

  1. impromptu.de schreibt:

    Was die Gaucksche Antrittsrede angeht: Nix gegen zu sagen. Nicht nur, dass alle begeistert sind, sogar die „Linken“. Sondern auch, dass er es womöglich fertig bringt, uns ein neues, voll verchromtes Nationalgefühl zu verpassen – nach dem Motto „Deutschland ist eigentlich prima, lasst uns feiern, zusammen mit allen bayerischen, migrantischen und jüdischen Mitbürgern!“ Vielleicht ein raffinierter Trick gegen den rechtsextremen Chauvinismus? Die müssten jetzt eigentlich nölen „Nee, Deutschland iss gar nich so gut, echt“. Und kann könnten wir Ihnen endlich mal recht geben, oder?

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