Wie Christian Wulff seine Mitbürger veralbert

– das ist wirklich eine Schande. Was er getan hat, sind ja vergleichsweise harmlose Sünden. Offenbar hat er keine illegalen Steuernachlässe gewährt, kein Staatsvermögen verscherbelt oder öffentliche Ämter feilgeboten. Er hat bloß gemacht, was alle gern machen: Schnäppchen jagen und Vorteile einstreichen. Insofern ist Wulff tatsächlich ein  „repräsentativer“ Buprä: das große Schlitzohr als glaubwürdiger Repräsentant von uns vielen kleinen Schlitzohren, die wir keinerlei Chance haben, an Vorteile seines Kalibers heranzukommen.

Genau deshalb ist dem Buprä vorzuwerfen, dass er nicht auspacken will. Dass er nicht verrät, wie man es anstellen muss, um solchen Erfolg zu haben. Wie macht man es am besten, um reiche Freunde zu gewinnen? Muss man erst Ministerpräsident werden oder langt es schon, als Oppositionsführer im Landtag zu glänzen? Welche Rolle spielen Kleidung, Sprachgestus, Kunst- und Weinverstand, erotische Ausstrahlung und was weiß ich noch?

Auch interessieren ganz konkrete Praktiken: Wie kommt man an Grundstücksdarlehn von 120 % des Kaufpreises (viele Eigenheimfreunde kriegen schon Probleme, wenn sie nur 60 % finanzieren wollen)? Wie schafft man es, Urlaubseinladungen genau dorthin zu kriegen, wo man gerne urlauben will? Kann man die Standortwahl seiner Gastgeber beeinflussen,  ohne als aufdringlich wahrgenommen zu werden? Und muss man sich als Eingeladener am Küche- und Badaufräumen beteiligen oder darf man so tun, als ginge das die Gäste nichts an? Und wenn das so ist, gibt man dann dem Personal bei der Abreise Trinkgeld?

Wie geht man am besten vor, um guten Freunden eine neue Partnerin zu verklickern, wenn sie die alte gerade erst liebgewonnen haben? Langt es, auf das Unabänderliche zu verweisen („ich lieb sie überhaupt nicht mehr“), oder darf man ruhig ein paar intime Details durchsickern lassen? Oder etwas Einfacheres: Wie motiviert man einen guten Freund, ohne viel zu fragen 43.000 Euro abzudrücken, um ein albernes Fotobuch mit Interviewschnipseln zu bewerben? So viele  Nachwuchswissenschaftler grübeln ständig über diese Frage.

Alle diese Rätsel und noch viele weitere bedrücken Millionen braver Bürger, deren Steuern unseren tüchtigen Politikern zu ihrem unvergleichlich größeren Erfahrungshorizont verhelfen. Aber das ist gar nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr, dass Politiker ihre besonderen und sehr wertvollen Erfahrungen als Geheimwissen behandeln und damit so tun, als gingen diese nur sie selbst und nicht etwa alle Bürger etwas an. Obwohl es letzenendes uns Bügern zu verdanken ist, wenn Politiker prominent werden und dann einen privilegierten Erfahrungsraum genießen. Das ist, verdammtnochmal, der eigentliche Skandal des schweigsamen Herrn Wulff.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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