Grüne BDK-Delegierte: überfordert, aber lieb?

Wer die BDK in Kiel aufmerksam verfolgte, konnte einem eher unauffälligen, wenngleich höchst bemerkenswerten Ereignis beiwohnen. Da gab der schweizerische Gastredner Moritz Leuenberger einen nüchtern-informativen Einblick in die Funktionsweise der direkten Demokratie seines Landes. Um die Breite des Themenspektrums zu verdeutlichen, zählte er auf, über welche Fragen die Bürger des Kantons Zürich genau an diesem Sonntag zu entscheiden hatten, u.a. den Ausbau der Flughafen-Landebahnen, eine andere Ferienordnung, einen Straßenausbau, veränderte Parkzonen, eine städtische Baumpflanzung usw.

Während der freundliche Herr Leuenberger die exemplarische Liste der Entscheidungsthemen aufzählte, passierte etwas sehr Merkwürdiges, das ihn einen Moment lang irritierte. Das Parteitags-Auditorium quittierte die scheinbar „grünen“ Themen in der Aufzählung mit spontanem Beifall.  Es waren, wohlgemerkt, nur Themen, nicht etwa Entscheidungsergebnisse, die genannt wurden. Wollten die Delegierten mit ihrem Beifall ausdrücken, dass sie es gut finden, diese Themen per Volksentscheid zu behandeln? Aber dann hätten sie auch bei den anderen, den „bösen“ Themen klatschen müssen. Oder wollten sie ihre Überraschung bekunden, dass die Schweizer, „sogar“ die Schweizer, sich überhaupt mit „grünen“ Themen befassen? Doch so ironisch-pharisäerhaft wirkte die selektive Beifallspende nicht. Deshalb bleibt nur die beunruhigende Vermutung, dass der Beifall dem aus der Verhaltensforschung bekannten Reiz-Reaktions-Schema gehorchte: Fallen im Redestrom Begriffe, die im semantischen Horizont der kollektiven Identität liegen, bedankt man sich mit lobendem Beifall – egal in welchem konkreten Sinnzusammenhang die „guten“ Begriffe verwendet wurden.

Dieser Befund legt zwei Schlussfolgerungen nahe. Zuerst die schlechte Nachricht. So scheinen viele grüne Delegierte in Sachen Aufmerksamkeit, Nüchternheit und Komplexitätsverständnis keineswegs besser ausgestattet als das Auditorium des jüngsten CDU-Parteitags, dem (in der FAZ und von Harald Schmidt) weitgehendes Unverständnis für sachliche Analysen der Finanzkrise bescheinigt wurde. Die „gute“ Nachricht ist, dass ein derart konditionierbares Publikum, das sich ja im selben Atemzug auch als Entscheidungsgremium ansprechen lässt, seinem Führungspersonal vielfältige Möglichkeiten bietet, es an der Nase herumzuführen. Hoffen wir, dass die grünen PolitikerInnen keine das Parteileben irritierenden Eigeninteressen entwickeln und niemals der Versuchung erliegen werden, diese Schwäche grüner Delegierter mit rhetorischen Tricks auszunutzen.

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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Eine Antwort zu Grüne BDK-Delegierte: überfordert, aber lieb?

  1. Adrian schreibt:

    Guter Blog, gefaellt mir sehr. Auch gute Themen.

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