Die Plagiate-Diskussion sollte Konsequenzen haben

2011 ist das Jahr der falschen Doktoren. Nach dem politischen Ende des Freiherrn zu Guttenberg kamen die Plagiate der Stoiber-Tochter Veronica Saß, der EP-Abgeordneten Silvana Koch-Mehrin und Georgios Chatzimarkakis, der CDU-Landespolitiker Matthias Pröfrock und Bernd Althusmann und schließlich der FDP-Beraterin Margarita Mathiopoulos ans Licht. Weitere werden vermutlich folgen. Doch schon diese sieben Fälle genügen, um eine Zwischenbilanz zu ziehen.

(1) Mit Ausnahme von Frau Mathiopoulos zeigen alle Fälle das Muster, sich mit geringem Aufwand und ohne wissenschaftliche Ambition einen akademischen Titel zu angeln und damit die Chancen auf eine Parteikarriere zu verbessern. Allein Frau  Mathiopoulos gab es nicht auf, um ihre Wahrnehmung im wissenschaftsnahen Raum der ungebetenen Politikberatung zu buhlen. Das war nicht sonderlich erfolgreich, aber immerhin kann sie mit etlichen Textsammlungen glänzen, die von sinnhaften Satzkonstruktionen aus eigener Feder zeugen.

(2) Dass diese Fälle (in nur einem einzigen Jahr!) bekannt wurden, verdankt sich  dem unstrittigen Erfolg eines Musters.  Chuzpe, Prätention und Maulheldentum – gepaart mit dem erschlichenen Kompetenzindikator des Doktortitels – helfen nicht nur, die Leiter zu Ämtern und Mandaten zu erklimmen, sondern wirken nach eventueller Enttarnung auch als Sperrklinke gegen den Absturz. Es sei denn, die Täter würden es an Zynismus mit Herrn zu Guttenberg aufnehmen.

(3) Folglich ist nicht erwarten, dass es auf diesem Karrierepfad in Zukunft weniger Gedränge geben wird. Der Anspruch an das technische Niveau des Plagiierens wird zwar steigen; bessere Techniken des Umschreibens, Verschleierns und der Vereinnahmung fremden Gedankenguts werden reüssieren (das lässt sich bereits an der Dissertation von Bernd Althusmann ablesen). Anbieter geeigneter PC-Software dürften hier eine interessante Marktnische finden, weil die Aufdeckung „kreativer“ Plagiate nur mehr den Fachexperten möglich sein wird. Bloße Textvergleiche müssen dagegen versagen.

(4) Wenn man das nicht erleben und den Anspruch auf eine Mindestquote „anständiger“ Politiker nicht aufgeben will, sollte man den Vorschlag der grünen Bundestagsabgeordneten Krista Sager aufgreifen und kräftig propagieren: Schluss mit der Verkoppelung des Doktortitels mit dem Personennamen. Keinen Eintrag des „Dr.“ mehr in Ausweis und Personalakten.  Den „Dr.“ nur mehr als berufsqualifizierenden Nachweis wissenschaftlicher Kompetenz behandeln, wofür die Promotionsurkunde als Beleg ausreicht. Selbst Ärzte brauchen den „Dr.“ nicht, um erfolgreich zu praktizieren.  (Mein Internist hat keinen, aber dafür den Ehrgeiz, medizinisch auf dem Laufenden zu bleiben.)

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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