Das GLASS-Ultimatum: Eine realistische Fiktion, 4. Teil

Wie angekündigt führen die USA einen sorgfältig geplanten Schlag auf vier chinesische Militärbasen mit chirurgischer Präzision aus. Gleich anschließend wird die Welt vom US-Präsidenten über die Gründe für diese Aktion und seine Entschlossenheit zur Durchsetzung des „Global Carbon Plan“ informiert.

Doch noch bevor der Präsident seine Fernsehansprache beendet, ereicht ihn eine unglaubliche Nachricht: San Francisco und die ganze Bay Area sind von den Satellitenbildern Kaliforniens verschwunden. Ein Atomschlag von ungeheurem Ausmaß hat 10 Millionen Amerikanern das Leben gekostet. Da es keine weiteren Nachrichten aus San Francisco und Umgebung gibt, werden alle Notfallpläne zum Schutz der US-Regierung in Gang gesetzt. Und es wird der Gegenschlag der USA vorbereitet.

Im Regierungsbunker gelingt es Präsident Benton in letzter Minute, seine Militärs von der Idee abzubringen, die Eskalationsspirale mit der  Auslöschung von Beijing oder Shanghai weiter zu drehen. Mit Bedacht wird eine mittelgroße Stadt in der chinesischen Provinz ausgesucht, die durch den Vergeltungsschlag ausgelöscht werden soll. Die Militärs halten diese „Selbstbeschränkung“ zwar für falsch, aber führen den Auftrag des Präsidenten zuverlässig aus. Eine Eskalation scheint vermieden, „nur“ weitere 10 Millionen Menschen werden in den Tod geschickt.

Bald darauf kommt die Quittung Chinas. Sie scheint zunächst nicht leicht zu entschlüsseln und zu bewerten: Es handelt sich um einen Gegenschlag von deutlich geringeren Umfang. „Nur“ die Bewohner einer  amerikanischen Kleinstadt wurden getroffen. Präsident Benton glaubt nicht an einen Fehler der chinesischen Militärs, sondern liest daraus die Botschaft, dass China die Eskalationspirale vor der gegenseitigen Totalzerstörung abstoppen will: Er verbietet weitere Militärschläge und ordnet als Zeichen der Friedensbereitschaft an, alle Streitkräfte aus der Taiwan-Region abzuziehen.

Nach wenigen Stunden ist Taiwan vom Militär der Volksrepublik eingenommen uns seine Selbständigkeit beendet. Das Streitobjekt Taiwan existiert nicht mehr, das Weltklima ist den USA wichtiger als ihre Bündnistreue. Nun erreicht die amerikanische Regierung eine Botschaft aus China: Um das Gleichgewicht zwischen beiden Supermächten wieder herzustellen und den Konflikt zu beenden, bietet China den USA vier Kleinstädte  als alternative Ziele für einen Gegenschlag an. Aber auch in dieser Botschaft steht kein Wort von Chinas Position in der Klimafrage, geschweige denn seiner Beteiligung am „Carbon Plan“.

Jetzt ist es an der US-Regierung, über den Gegenschlag zu entscheiden. Sie lehnt die angebotenen Gegenschlagziele ab und erklärt, dass sie ihre militärischen Ziele selbst wählen würde. Die USA würden  sich eine angemessene Reaktion vorbehalten, falls sich China nicht endlich zur Annahme des „Carbon Plan“ entschließen würde.

Die Gegenseite antwortet – und zwar mit der TV-Übertragung einer Fernsehansprache des chinesischen Präsidenten aus Taipeh. Zuerst feiert dieser lang und breit den Sieg Chinas im heroischen Kampf um nationale Souveränität und die Wiedervereinigung mit Taiwan. Schließlich verkündet Präsident Wen, dass sich die chinesische Regierung entschlossen habe, nach den nationalen Aufgaben auch die Rettung der Welt vor der Klimakatastrophe in Angriff zu nehmen. Man knüpfe an den „Carbon Plan“ an, den China ursprünglich den USA vorgeschlagen habe. China werde sich jetzt als globale Führungsmacht erweisen und diesem Plan zur Durchführung verhelfen. Man fordere die USA auf, sich China bei der Realisierung des „Carbon Plan“ anzuschließen.

Endlich hat US-Präsident Benton sein Ziel erreicht. Dass die chinesische Führung in ihrer Verlautbarung Ursache und Wirkung verdreht, um sich in ein günstigeres Licht zu stellen, lässt sich verschmerzen. Der Verlust von ca. 12 Millionen US-Bürgern stimmt dagegen schon ein bisschen traurig, zumal auch die Präsidententochter Amy zu den Toten zählt. Erfreulich ist aber, dass jetzt auch die anderen Länder einwilligen, ihren Teil zum Gelingen des „Carbon Plan“ beizusteuern. Die Welt scheint gerettet. 22 Millionen Menschen haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. (Schluss folgt)

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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