Das GLASS-Ultimatum: Eine realistische Fiktion, 2. Teil

(1. Fortsetzung:) Was tun, um mit der CO2-Reduktion endlich voranzukommen? In der realistischen Fiktion von Matthew Glass entscheidet sich die neue amerikanische Regierung (die von 2032!) gegen die weitere Beteiligung am Kyoto-Prozess. Die bisherigen Erfahrungen zeigten, dass er zu zeitaufwendig, blockadeanfällig und in den materialen Ergebnissen völlig unzureichend ist. Um noch in den verbleibenden zehn Jahren das Schlimmste zu vermeiden, müssten vielmehr die beiden Großemittenten China und USA vorangehen und einen radikalen Kurswechsel vollziehen; die anderen Ländern würden dann schon über kurz oder lang nachziehen.

US-Präsident Benton nimmt also Kontakt mit dem chinesischen Präsidenten Wen auf und nach einigem Hin und Her treffen sich die Delegationen beider Länder zu Geheimverhandlungen in Oslo. Wie zu erwarten war, fordert die chinesische Seite von den USA überproportionale Reduktionsbeiträge, weil deren Pro-Kopf-Emissionen ein Mehrfaches der chinesischen ausmachen. Das ist für die USA nicht akzeptabel, weil die Regierung damit jede Unterstützung im Kongress und in der Öffentlichkeit verlieren würde. Außerdem würde das abrupte Schrumpfen der amerikanischen Wirtschaft auch China in Mitleidenschaft ziehen. Nach etlichen Verhandlungsrunden kommt es schließlich zu einem für beide Seiten schmerzhaften, aber gerade noch zumutbaren Kompromiss, den die Delegationsführer abgesegnen.

Doch die Unterzeichnung des entsprechenden Vertrags durch die Außenminister beider Seiten scheitert, weil die chinesische Seite zu ihrer Ausgangsposition zurückkehrt und von den USA einen wesentlich höheren Reduktionsbeitrag mit Verweis auf  die Alt-Emissionen fordert. Die Verhandlungen platzen. Versuche der USA, im direkten Kontakt zwischen den Präsidenten eine Rückkehr zum gefundenen Kompromiss oder die Wiederaufnahme der Verhandlungen zu erreichen, bleiben ohne Ergebnis.

Aber der US-Präsident hat eine Mission: Er will, ja muss sein Land und den Rest der Welt vor der Klimakatastrophe retten. Er entschließt sich, China und aus Fairnessgründen auch den anderen Staaten ein Ultimatum zu stellen. Das sieht so aus: Die USA verpflichten sich zur Durchführung einschneidender Maßnahmen der CO2-Reduktion in genau dem Umfang, der in Oslo ausgehandelt wurde, und fordern alle Staaten auf, den ihnen entsprechenden Beitrag zu leisten. Insbesondere soll China sich jenes Reduktionsziel verbindlich zu eigen machen, dem seine Verhandlungsdelegation in Oslo zugestimmt hat, bevor es den Vertrag scheitern ließ .

Für die Annahme des „Global Carbon Plan“ wird China eine knappe Frist gesetzt, nach deren Ablauf Handelssanktionen in Kraft gesetzt würden. Ähnliches gelte auch gegenüber den anderen Staaten. Deren Reaktion fällt allerdings  ganz anders aus, als es der US-Präsident erwartet hatte. Anstatt sich von der Bereitschaft der USA zu einschneidenden Reduktionen begeistern zu lassen, zeigen sie sich über das einseitige Vorgehen entsetzt. Selbst traditionelle Freunde der USA wie Großbritannien und einige EU-Länder weigeren sich, ihren Part im „Carbon Plan“ zu übernehmen.

China reagiert noch deutlicher: Es erlässt ebenfalls Handelsrestriktionen gegenüber den USA, droht mit dem Verkauf seiner Dollarreserven und kappt einen Großteil der Wirtschaftsbeziehungen. Der Klima-Musterknabe USA ist mit einem Schlag isoliert.

Wer sich für eine gute Sache so weit aus dem Fenster gelehnt hatte, kann nicht einfach aufgeben. Also werden die angedrohten Sanktionen von den USA in Gang gesetzt und die Chinesen reagieren ebenfalls wie angedroht. Was bis hierhin scheinbar ein symmetrisches Verhältnis von Aktion und Reaktion war, nimmt nun neue Gestalt an.

Während die USA alle Maßnahmen mit dem „Carbon Plan“ und dem Ziel einer effektiven Klimapolitik begründen, geht die chinesische Regierung in keiner ihrer Noten und Verlautbarungen auf das Klimathema ein. Sie deklariert die US-Sanktionen als einseitige Aufkündigung der vertraglichen Beziehungen zwischen beiden Ländern und als Eingriff in die inneren Angelegenheiten Chinas.

Mehr noch: Die chinesische Regierung macht eine eigene Agenda auf. Statt auf das vorgeschlagene Klimaabkommen und die so dringend notwendige CO2-Reduktion einzugehen, fordert sie die USA ultimativ auf, den militärischen Schutz Taiwans aufzuheben und sich aus der Region zurückzuziehen.

Die US-Führung merkte nun, dass sie mit ihrem starken Verlangen nach einem Kooperationsbeitrag Chinas in eine Position der Schwäche, ja der Erpressbarkeit geraten ist. Wenn China die Rückgewinnung Taiwans wichtiger als die Rettung von 100 Millionen chinesicher Küstenbewohner (und letztenendes wichtiger als das Schicksal der Welt) ist, steht der Weltretter USA vor einer tragischen Entscheidung: Soll man wirklich der taiwanesischen Regierung zuliebe (das Volk zählt bei derart hochrangigen Themen ohnehin nicht sehr) auf die Rettung der Welt verzichten? (Fortsetzung folgt)

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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