Das GLASS-Ultimatum: Eine realistische Fiktion

Dieses Buch passt gut in eine Zeit verschärfter Katastrophenwahrnehmung. Allerdings geht es nicht um AKW-Katastrophen, sondern um eine mögliche Klimakatastrophe, genau genommen um die Bemühungen zu ihrer Verhinderung, also um Klimapolitik, Kyoto-Nachfolgeabkommen und internationale Konflikte und Vereinbarungen.

„Das Ultimatum“ von Matthew Glass (noch nicht auf deutsch), erschien 2009 (nach Obamas Amtsantritt) bei Atlantic Books. Es zählt zur Gattung der Polit-Thriller, vielleicht auch Öko-Thriller. Wenn man mit englischer Belletristik zurecht kommt und wissen will, was alles möglich ist, bevor die Welt in der Klimafrage einen nachhaltigen Kurswechsel vollzieht, dann sollte man es lesen. Es hat 400 Seiten, ist alles andere als langweilig und kostet so gut wie nichts (gebraucht bei Amazon ab € 0,01 plus € 3,00 Porto).

Die literarische Qualität mag vielleicht mittelklassig sein, aber besser als die Reisser von Crichton und Grisham und keineswegs maniristisch oder prätentiös; vor allem wegen der Konzentration auf das Wesentliche und dessen recht differenzierte Darstellung jenseits von Action-Hektik und Schwarz-Weiß-Malerei. „Das Ultimatum“ besticht durch die intime Kenntnis politischer Prozesse auf mehreren Ebenen: dem Wettbewerb um Machtpositionen, der Organisation und öffentlichen Darstellung von Regierungspolitik, dem Umgang mit schmerzhaften Entscheidungslagen (tragic choices), vor allem aber den internationalen Beziehungen, speziell zwischen Supermächten. Was nicht vorkommt sind romantische Gefühle, Liebesbeziehungen und Sex. Dennoch sind die sozialen Charaktere durchaus differenziert und „dem Leben“ abgeguckt.

Was der Autor vermittelt ist, ein glaubhafter Eindruck von den Schwierigkeiten und Paradoxien des Wechsels von symbolischer (bloßer Ankündigungs-)Politik zu substantieller Politik, der Anstrengung, einen für richtig erachteten Kurs gegen opportunistische Versuchungen durchzuhalten und das eigentliche Ziel auch dann weiter zu verfolgen, wenn das Leben vieler Menschen und das eigene Ansehen auf dem Spiel stehen – alles politische Tugenden, deren Abwesenheit uns oft schmerzhaft bewusst ist.

Die Story zwingt dem Leser keine eindeutigen Schlussfolgerungen auf, sondern zeigt ihm die unberechenbaren Momente politischer Prozesse (ihre Kontingenz), die erst im Nachhinein erkennbare Plausibilität von zunächst für völlig unwahrscheinlich gehaltenen Ereignissen. Wenn man so will, ist es eine Lektion in Komplexitätsbewusstsein – ohne dass dazu der Begriff selbst, geschweige denn komplexe Gedankenketten notwendig wären. Etwas ähnliches hat Nassim Nicholas Taleb 2007 für ökonomische Entscheidungen mit dem Sachbuch „The Black Swan. The Impact of the Highly Improbale“ (auch auf deutsch) vorgelegt.

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Die Handlung erstreckt sich über genau ein Jahr, das Jahr 2032. Die Welt hat gerade das Scheitern des 3. oder 4. Kyoto-Abkommens erlebt: Langwierige Verhandlungsrunden, zu wenig ehrlich kooperierende Unterzeichnerstaaten, minimale Auswirkungen auf die tatsächliche Menge der CO2-Emissionen – also ungefähr wie die Lage in 2011, nur etwas näher an den fatalen Auswirkungen der erhöhten Erderwärmung.

In den USA ist mal wieder ein neuer Präsident gewählt worden, aber keiner von der altbekannten Sorte. Präsident Benton, natürlich von den Demokraten, ist eine Mischung aus Obama, Al Gore und JFK: ehrlich, honorig, tatkräftig und entschlossen zu genau dem radikalen Politikwechsel, der nötig ist, um den Anstieg des Meeresspiegels auf das Unvermeidliche zu begrenzen. Das hat er seinen Wählern versprochen, dafür hat er ein tolles Regierungsteam zusammengestellt und das nimmt er sofort nach der Amtsübernahme in Angriff.

Aber um sein Land zu retten – Florida und alle tiefer gelegenen Küsten der USA müssen bald weiträumig entsiedelt werden -, reicht eine radikale CO2-Politik der USA und der EU nicht aus. Der inzwischen bei weitem größte Emittent ist China, an zweiter Stelle die USA, die restliche Welt samt Europa steht gerade einmal für ein Drittel der CO2-Emissionen. Für Präsident Benton ist deshalb klar: Ohne Mitwirkung Chinas kann er den Amerikanern keine Wende in der Energie-, Wirtschafts- und (Um-)Siedlungspolitik verklickern.

Aber China spielt nicht mit – weder in den laufenden Kyoto-Konferenzen noch in bilateralen Verhandlungen mit den USA. Es lässt sich auch nicht von den klimapolitischen Musterknaben in Europa beeindrucken, sondern besteht auf dem Recht zur nachholenden Entwicklung. Warum soll das immer noch vergleichsweise arme und in den Pro-Kopf-Emissionen eher bescheidene Land für die Sünden der alten Industriegiganten büßen? Die guten Absichten der neuen amerikanischen Regierung drohen also zu verpuffen. Was tun?  (Fortsetzung folgt)

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Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
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