Solidarität mit dem Gegelten!

Eines steht jetzt felsenfest: Verteidigungsminister Baron zu Guttenberg ist nicht nur der medial prominenteste Politikakteur, er ist gleichzeitig auch eines der prominentesten Politikthemen. Diesmal haben wir die Gelegenheit, sein überdurchschnittliches Organisationsvermögen zu bewundern. Denn entweder hat er es fertig gebracht, aus Zeitungsartikeln, Botschafterreden und allerlei anderen Texten eine höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Dissertation zu verfassen (besser als  mit „summa cum laude“ kann man auch in Bayern nicht promovieren). Oder er hatte einen Ghostwriter, der den Guttenbergschen Denk- und Präsentationsstil so perfekt zu imitieren verstand,  dass die bayreuther Promotionskommission gar nicht auf die Idee kommen konnte, „sein“ Werk hätte andere Urheber als den eloquenten, hochbegabten und moralisch anspruchsvollen Baron. Egal wie, in jedem Fall demonstrierte Guttenberg eindrucksvoll die Qualitäten eines gesalbten Profipolitikers: Konzentration auf das Wesentliche (z.B. die Einleitung der Diss), die Fähigkeit zur Delegation (z.B. an nicht erwähnenswerte Textlieferanten) und Stehvermögen gegenüber allemal missgünstigen Zweiflern und Kritikern.

Nachdem es aber in nur 24 Stunden geradezu eine Explosion an Plagiatsnachweisen gegeben hat, ist davon auszugehen, dass der Minister gar nicht der eigentlich Schuldige sein kann. Unvorstellbar, dass er eine derart umfangreiche Exzerpte- und Zitatesammlung mit eigener Hand angefertigt hat, nur um sich von der Anstrengung des Selberdenkens und Selberschreibens zu entlasten. So etwas machen nur Kleingeister, Stubenhocker und Privatdozenten. Vielmehr ist zu vermuten, dass Guttenberg in die Hände eines minderklassigen, schlampig arbeitenden und womöglich gar politisch übelwollenden Ghostwriters gefallen ist, der – statt eine ordentliche, den Branchenstandards genügende Arbeit abzuliefern – sich auf unprofessionelle Weise im Internet und sonstwo bediente. Ihm und nicht dem Minister hätte dann die ganze Verachtung zu gelten, die sich derzeit (außer vielleicht in Bayern) breitmacht: Guttenberg ist betrogen worden! Und wenn das so ist, sollte er sich auch das Entgelt zurückerstatten lassen, das er womöglich für „sein“ Werk zahlte. Dann bliebe nur noch der Sachverhalt, dass ihm bei der üblichen Erklärung über die Alleinurheberschaft ein einziger kleiner Fehler unterlief. Aber das wäre dann nur ein Fehler und keine umfangreiche Sammlung von Plagiaten, wie sie jetzt ans Licht kommt. Und einen Fehler macht jeder mal, oder?

Bliebe schließlich noch das Rätsel, wieso die Dissertation höchstes akademisches Lob erhalten konnte. Auch hier sind mehrere Möglichkeiten denkbar. Vielleicht hat es der Autor verstanden, aus der bescheidenen Vorlage mit einigen, souverän lektorierenden Federstrichen eine argumentativ brillante, theoretisch hochreflektierte und überzeugende Erkenntnisfortschritte liefernde Studie zu machen – mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass er dabei gar nicht alle die versteckten Plagiate entdecken und ausmerzen konnte (was sich nicht nur an der sprachlichen Verbesserung von Fremdtexten belegen ließe, sondern auch an der Zurückweisung des Plagiatsvorwurfs als „abstrus“). Das wäre genau genommen eher ein Beleg für die wissenschaftliche Kompetenz von Guttenberg als für das Gegenteil.

Aus allen diesen Gründen scheint es mir geboten, Solidarität mit dem Beschuldigten einzufordern. Eine Forderung, die sich selbstverständlich in erster Linie an alle richtet, die selbst mal, wenn es drauf ankam, bei anderen klammheimlich abgekupfert haben. Plagiatoren aller Parteien, behaltet die Nerven und steht zu eurem Ruf!

Advertisements

Über hwiesenthal

Soziologe und Politikwissenschaftler, seit 2003 im Ruhestand, gelegentlich aktiv in der Arbeitsgemeinschaft für Sozialforschung (AfS) e.V. und bei der Grünen Akademie der Heinrich Böll-Stiftung.
Dieser Beitrag wurde unter CDU/CSU, Dissertation, Guttenberg, Plagiat, Politik, Promotion, Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Solidarität mit dem Gegelten!

  1. Constantin Varges schreibt:

    Lieber Herr Wiesenthal,

    da bin ich ganz ihrer Meinung. Solche Fehler unterlaufen einem Mann mit den Qualitäten eines zu Guttenberg einfach nicht. Der neueste Vorwurf bei einem Erstsemester abgeschrieben zu haben – lachhaft!

    Nein, da zeigte er doch heute in seiner eilends einberufenen PK wieder einmal was ihn auszeichnet. Bescheiden, präzise, auf den Punkt und mit dem Händchen für perfektes Timing: Ich gebe mein Ehrenwort, ich wiederhole Ehrenwort, dass alle Anschuldigungen wie ein Kartenhaus in sich zusammen… . Nein, das war dann doch ein anderer… .

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s